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Dr. Henri
Poschmann, Helmholtzstr. 27, 99425 Weimar, Tel.: (03643) 401414
e-mail: heposchm@t-online.de
Information
zu dem Beitrag von Eske Bockelmann
in der FAZ vom 2. November 1999 über Georg Büchner, Sämtliche
Werke, Bd. 2, Frankfurt am Mai 1999
Behauptungen
und Tatsachen
1.
- In der Ankündigung des Bandes, so wird allem voran reklamiert,
habe der Verlag "zahlreiche bisher unbekannte und großenteils
unveröffentlichte Dokumente" versprochen. Die Formulierung
ist indes der ersten, mehr als zehn Jahre zurückliegenden
Ankündigung der gesamten Ausgabe entnommen. In den Ankündigung
des Bandes ist diese Angabe nicht enthalten. Das notwendige
Ausmaß eines ursprünglich vorgesehenen Dokumententeils mit
Lebens- und Zeitzeugnissen hätte den Rahmen einer Gesamtausgabe
der Werke und Briefe gesprengt. Mit 1287 Seiten schließt der
Band Schriften, Briefe, Dokumente die bisher umfangreichste
kommentierte Büchner-Ausgabe mit insgesamt 2308 Seiten ab.
Die bisher umfangreichste Ausgabe umfaßt 1057 Seiten und enthält
keinen Kommentar.
2.
- Die Auswahl der mitgeteilten "wenigen Dokumente"
erwecke den Eindruck, "als habe ein Student rasch ein
paar Bände aus dem Büchner-Regal auf den Kopierer gelegt."
Die notwendigerweise begrenzte Auswahl der Dokumente bietet
mit über 150 Seiten (einschließlich der Quellendokumentation
zu den Dichtungen im ersten Band) mehr als je eine Büchner-Ausgabe.
Unter dem Material befinden sich neben Aktenveröffentlichungen
nach dem Erstdruck von 1844 zum Aktionszusammenhang des Hessischen
Landboten u. a. erstmals wieder abgedruckte Texte zum
Hintergrund aus Zeitungen von 1830 und 1834. Auch Johannes
Müllers entlegene Rezension des Mémoire sur le système
nerveux du barbeau von 1837 war bisher nirgends wieder
abgedruckt worden. Sie gibt grundlegend Aufschluß über die
Stellung von Büchners anatomisch vergleichender Untersuchung
im Kontext der naturwissenschaftlichen Forschungsentwicklung
und stützt überdies die im Kommentar begründete Korrektur
der falschen Datierung des Drucks des Mémoire in der
Büchner-Literatur seit 1985.
3.
- Gegenüber der Bemängelung der Dokumentenauswahl wird eingeräumt:
"Aber diesen Mangel macht der ausführliche Kommentar
wett". In Bezug auf andere Veröffentlichungen der letzten
Jahre wird besonders hervorgehoben: "Es ist Poschmanns
großes Verdienst, dieser Tendenz zur Entpolitisierung nicht
Vorschub zu leisten, sondern klar darzulegen, wofür Büchner
gerichtsnotorisch ist." Bei der Frage des Zusammenhangs
der unterschiedlichen Betätigungsbereiche untereinander und
mit dem literarischen Werk, heißt es dagegen, "geht es
an ein leeres Auftürmen". Andererseits nennt der Verfasser
"einen genauen Bezug" zwischen den politischen,
naturwissenschaftlichen, philosophischen und literarischen
Arbeiten Büchners "- einen Bezug, den Poschmann zuweilen
mit blindem Eifer herstellt." Zitiert wird dazu aus dem
Kommentar der Satz: "Die von Spinoza begründete Relativierung
der Moral wurde für Büchner in der akuten Situation zu einem
wesentlichen Faktor der Krise."
4.
- Als entscheidenden Mangel wird dem abschließenden Band der
Ausgabe angelastet, daß er "unabhängig" erarbeitet
worden sei, unabhängig "insbesondere von der Büchner-Forschungsstelle
in Marburg, die zur Zeit die historisch-kritische Ausgabe"
erarbeite. Ergo "frönt" der Herausgeber einer von
vornherein "den Wert der Ausgabe mindernden wissenschaftlichen
Eigenbrödelei". Forschungsergebnisse, auch aus Marburg,
namentlich zum Themenkomplex der politischen Flugschrift und
zu den Briefen, unberücksichtigt gelassen zu haben, wird ihm
in keinem Punkt nachgesagt, verargt demnach um so mehr, daß
er den von dort vorgegebenen Ansätzen nicht kritiklos folgt.
Was die naturwissenschaftlichen und philosophischen Schriften
betrifft, hätte er es gar nicht gekonnt, denn es gibt keine
Marburger Vorleistungen dazu; Beiträge der Büchner-Forschungsstelle
zu Büchners naturwissenschaftlichen und philosophischen Schriften
liegen nicht vor, - so wie bis jetzt von der ganzen viel beschworenen
Marburger Ausgabe nichts vorliegt oder auch nur von einem
Verlag angekündigt wäre.
5.
- Konkretisiert wird der Vorwurf damit, es werde von den Schülerskripten
(davon sind mehr als 700 Handschriftenseiten überliefert)
"die aufschlussreichste Seite" "unterdrückt",
nachdem es "Thomas Michael Mayer von der Marburger Forschungsstelle"
gelungen sei, "diese in mehreren Schichten beschriebene
Seite vollständig zu entziffern". Die Behauptung ist
von A bis Z falsch. Der Befund ist im Kommentar der Ausgabe
(S. 801) angemessen beschrieben. Weder ist hier auch nur das
kleinste Segment einer originären Phrase Büchners "unterdrückt",
noch ist die mit unzusammenhängenden Bruchstücken literarischer
Zitaten und allerlei graphischen Federproben überdeckte Heftseite
"vollständig entziffert". Mayer selbst behauptet
das nicht, wie sein Übertragungsversuch, S. 11-13 im Georg
Büchner Jahrbuch 7 (1991), auf den im Kommentar hingewiesen
wird, augenfällig ausweist. Bockelmann, seinerzeit Mitarbeiter
der Marburger Forschungsstelle und designierter Bearbeiter
eines Bandes Schülerschriften in der fiktiven Marburger Ausgabe,
weiß das. Wie jeden Neuwert des besprochenen Bandes überhaupt
verschweigt er auch den darin enthaltenen Erstdruck von Büchners
hessischer Mundartübertragung einer Ballade Schillers nach
der Handschrift im Schulheft des 13jährigen (vgl. dazu S.
797f.), sowie den Nachweis dialektaler Lexeme in anderen Schulheftglossen.
6.
- Ein einziger Textfehler wird in der Besprechung des Bandes
namhaft gemacht. Wo (S. 359,3) ediert ist "weite",
müßte es, wird behauptet, heißen "weitere". In Wirklichkeit
wird an der Stelle der eindeutige handschriftliche Befund
wiedergegeben. Büchner schreibt an Edouard Reuss, entschudigend
für längeres Schweigen, in deutlich ausgeführter Schrift:
"Ich denke, Du nimmst diesen papiernen Ölzweig und Friedensfahne
auch so ohne weite Friedens-Präliminarien an" . Daran
ist nichts zu emendieren. Andere Editionen, die den Brief
enthalten, tun das auch nicht, - auch der von der Büchner
Gesellschaft 1984 als Jahresgabe herausgegebene Erstdruck
bietet korrekt "weite". Nur die Münchner DTV-Ausgabe
verbiegt das zweifelsfrei intendierte "ohne weite"
sinnverändernd in "ohne weit<r>e".
7.
- Der also fälschlich indizierte Buchstaben-"Fehler"
bleibt dabei der alleinige "Beleg" aus dem ganzen
Band für die Behauptung, der Herausgeber praktiziere "überall
dort, wo er einen handschriftlichen Text wiederzugeben hat"
, ein generell entstellendes editorisches Verfahren, das darauf
hinauslaufe, Büchner "ein grausig verunglücktes Kunst-Hessisch"
in den Mund zu legen, so, wie er es bereits im ersten Band
bei der Textkonstitution des Woyzeck getan habe. Hunderte
von Seiten allein der aus den Handschriften edierten Texte
aus der Schulzeit und zur Philosophie müßten demnach auf
die lächerlichste Weise davon betroffen sein. Kein einziges
Beispiel dafür vermag Bockelmann anzugeben. Macht nichts,
der Jude wird verbrannt: "Eine Ausgabe, die Büchner dergleichen
unterstellt und seinen Lesern zumutet, ist unbrauchbar."
So das mit einer Unterstellung, die absurder nicht denkbar
ist, bemäntelte Verdikt. Es war bereits acht Jahre vor dem
Erscheinen des Bandes, seit 1991, vorprogrammiert. Dies bestätigt
das Nachwort von Burghard Dedner in: Georg Büchner, Woyzeck.
Studienausgabe. (Reclam UB) 1999, S.199.
Auf
den Sonderfall des Woyzeck-Textes einzugehen, ist hier
nicht angebracht. Zur strittigen Problematik der Textkonstitution
vgl. Bd. 1, S. 675-714, itb 846, S. 107-156 (zuerst Leipzig
1984); Henri Poschmann , Textgeschichte als Lesergeschichte.
Zur Entzifferung der Woyzeck-Handschriften,. In: Weimarer
Beiträge 2/1989; dass. leicht verändert in: Henri Poschmann
(Hg.) Wege zu Georg Büchner (1992); Gerhard Schmid,
Probleme der Textkonstituierung bei Büchners "Woyzeck".
In: Hans-Georg Werner (Hg.), Studien zu Georg Büchner
(1988); T. M. Mayer, Zu einigen neuen Lesungen und zur
Frage des Dialekts in den Woyzeck-Handschriften. In:
Georg Büchner Jahrbuch 7 (1991); Eske Bockelmann, Von Büchners
Handschrift oder Aufschluß, wie der Woyzeck zu edieren sei.,
ebenda; zuletzt: Burghard Dedner, in: Georg Büchner, Woyzeck,
Studienausgabe, Reclam UB (1999), S. 190-200.
Am
Rande sei angemerkt, daß die Woyzeck-Textfassung in
den Editionen des Herausgebers sich in Leseausgaben, bei Übersetzern
und Regisseuren von der Übernahme in Blackwell German Textes
(1988) an bis zur jüngsten Übersetzung und Inszenierung in
Sarajevo (1999) entschieden als die bevorzugte durchgesetzt
hat. (In einem Interview anläßlich seiner Woyzeck-Inszenierung
in Sarajevo antwortete Manfred Weber auf die Frage "Welche
Fassung verwenden Sie?": "Es gibt eine sehr gute
Fassung von Henri Poschmann. Seine Fassung ist bestimmt von
einem entstehungsgeschichtlichen Interesse und von einem theatralischen.
Ich habe gemerkt, daß diese Fassung durch eine Mehrzahl von
Figuren ein größeres gesellschaftliches Panorama entwickelt.
Das ist die Textvorlage für Dzevad Karahasans neue Übersetzung.")
Weimar,
12.12.1999
gez.
Henri Poschmann
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