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Dr. Herbert Wender
An den Vorstand
der Georg Büchner Gesellschaft e.V.
8. April 2001
| Bezug: |
Schreiben des Vorsitzenden vom 23.3.2001 |
| Betreff: |
Vereinspolitik, Austrittserklärung |
Sehr geehrte Herren, liebe Kollegen,
ich darf Sie höflich um Aufklärung bitten, wie Sie mit
meinem Schreiben vom 25.10.2000 "An die Georg Büchner Gesellschaft
- d.d. Geschäftsführer, Herrn Roth -" zu verfahren gedenken;
den "liebe[n] Kolleginnen und Kollegen in der Georg Büchner
Gesellschaft", an die es gerichtet war, ist es ja offenbar bis jetzt
nicht zugestellt worden (obwohl ich seinerzeit Kostenerstattung
zugesagt hatte), und eine Antwort Ihrerseits ist bei mir nicht eingetroffen.
Mein seinerzeitiges Schreiben hat sich ja nicht schon dadurch erledigt,
daß Sie die darin angekündigten Anträge für
die Mitgliederversammlung exzerpiert haben bzw. nun protokollieren,
was leider nicht ohne Verzerrungen abgeht. (Einen entsprechenden
Antrag auf Richtigstellung werde ich zur Jahrestagung vorbereiten.)
Solange Sie die Begründungen meiner Anträge und einen
weiteren zentralen Kritikpunkt, der im Verlauf der Versammlung geäußert
wurde: den Vorwurf der bewußten taktischen Verschleppung des
Erscheinungstermins der gegen Hauschild gerichteten Polemik in Jahrbuch
Nr. 9, einfach unterschlagen, ist der jetzt vom Vorsitzenden aus
den Abstimmungsergebnissen in Darmstadt (z.B. TOP 4A: 17:2:1) extrapolierte
Zweifel daran, daß der "Dissens" unter den nicht anwesenden
90 % der Mitgliedschaft "sehr weit verbreitet ist", nichts als billige
Rhetorik. Derselben Logik der Beschönigung folgt Kollege Dedner,
wenn er einerseits berichtet: "Einige von Ihnen haben mir mitgeteilt,
sie hätten auf dem Wege eines Leserbriefs ihre Meinung über
den Spiegel-Artikel zu äußern versucht", andererseits
aber verschweigt, daß ebenso viele Mitglieder - gemessen an
der Gesamtzahl sind es wohl jeweils wenige; was über das sogenannte
Vereinsleben auch einiges aussagt - dem Vorsitzenden gegenüber
Kritik an Mayers Anti-Hauschild-Kampagne geäußert haben.
Sie haben den Skandal durch Verschleppung aus der letzten Mitgliederversammlung
verdrängen können, doch werden Sie ihn auch durch hartnäckigstes
Schweigen aus der nächsten nicht heraushalten können.
Ich räume aber ein, daß Sie gute Chancen haben, mit Ihrer
Vereinsmeierei durchzukommen, wenn auch beim nächsten Mal in
Gießen das Fähnlein der Marburger Aufrechten bedingungslos
zu Ihnen stehen wird.
Dennoch werde ich auch bei der nächsten Mitgliederversammlung
wieder, wie schon einmal 1994, den Antrag stellen, daß sich
die Georg Büchner Gesellschaft bei ihrem Mitglied Hauschild
für die neuerlichen Entgleisungen des Gründungsvorsitzenden
im Büchner Jahrbuch 9 förmlich entschuldigt, denn es ist
durch nichts zu rechtfertigen, wie Mayer Beanstandungen am Werk
des Konkurrenten, dessen Büchner-Biographie für Marburger
Verhältnisse mindestens 10 Jahre zu früh herauskam, zum
Anlaß von Spekulationen niederster Art nimmt. Die mit einschlägigen
editionstheoretischen Erörterungen hinreichend vertrauten Herausgeber
des Jahrbuchs sollten eigentlich wissen, wie schwer ‚Autorintentionen'
zu beurteilen sind; insofern liefert Mayer selbst das beste Beispiel
für die Kategorie "trivialpsychologische Antäuschungen"
(eingeführt von seinem Vorgesetzten in GBJb 8, S. 32, Anm.
44), z.B. wenn er vom "Prinzip jener formal unpolemischen, tatsächlich
ranküneartigen, negativ fixierten Verfahrensweise" spricht
(GBJb 9, S. 317, Anm. 130). Und dabei hat Mayer vor allem mit einer
Präsupposition recht: Sein eigener negativ fixierter Groll
hat formal polemische Verfahrensweisen selten ausgelassen, und er
treibt es jetzt auf die Spitze, indem er hinter einem von ihm selbst
ausgetüftelten Gewebe von Details, die von Druckfehlern bis
zu möglicherweise irrigen Hypothesen reichen, ein ausgeklügeltes
Feind-System vermutet. Zusammengenommen erscheinen mir die in GBJb
9 publizierten Unterstellungen nur noch als Ergebnis einer von paranoider
Energie getriebenen Wahrnehmung erklärbar (trivialpsychologisch,
versteht sich). Wer ‚so ne Struktur' hat, kann einem leid tun; bei
Ihnen aber, liebe Kollegen vom Vorstand, sehe ich (noch) nicht,
welche mildernden Umstände angeführt werden könnten,
um verständlich zu machen, daß Sie dem Kollegen Jahrbuch-Herausgeber
beim Mißbrauch des Vereinsorgans zu solchen fruchtlosen Diffamierungen
nicht Einhalt geboten haben. Spätestens zur nächsten Mitgliederversammlung
- bei der Diskussion um die inhaltliche Entlastung des Vorstands
- sollten Sie den Mitgliedern Ihr Verhalten erklären. Haben
Sie protestiert und sind damit nicht durchgedrungen? Oder finden
Sie auch jetzt wieder, daß solche Polemik ‚fruchtbar sein
kann'? Außer Austrittserklärungen sehe ich keine Früchte
solcher Haßkampagnen. Und vor allem hätte Mayer die dafür
aufgewendete Zeit sinnvoller dafür verwenden können, den
Defiziten im Eröffnungsband der MBA abzuhelfen; er hätte
dann auch nicht das Erscheinen anderer, schon lange vorliegender
Jahrbuch-Beiträge behindert.
Zu einem vergleichbaren Vorwurf an die Adresse des Vorsitzenden
in seiner Funktion als Leiter der Forschungsstelle hat Kollege Dedner
in der letzten Mitgliederversammlung auf eine Ehrenerklärung
des Verfassers der FAZ-Kritik zu Bd. 2 von Poschmanns Ausgabe verwiesen
(vgl. Protokoll zu TOP 4A). Herr Bockelmann reagierte in seinem
"Statement", das übrigens erst nach der Mitgliederversammlung,
am 7. November 2000, veröffentlicht wurde, nicht unmittelbar
auf Poschmanns Briefe vom Dezember 1999 bzw. Januar 2000, sondern
auf meine Nachfrage im Vorfeld der Mitgliederversammlung vom 4.
November 2000, wie Dedners Antwort auf den Vorwurf einer Beteiligung
der Forschungsstelle an der FAZ-Kritik zu verstehen sei. Ganz so
witzig, wie es Herr Bockelmann darzustellen versucht, sind seine
Einlassungen zu den Telefonaten mit Herrn Mayer nicht; man kann
ja gerade in dem Rückgriff auf die von Mayer ins Spiel gebrachte
frühe Verlagsanzeige aus den 1980er Jahren in der Kritik zu
dem 1999 erschienenen 2. Band der Ausgabe einen ranküneartigen
Vorgang sehen. Und man muß nun noch dringender beim Vorsitzenden
nachfragen, ob seine ausweichende Formulierung: "m.W. ... nicht
beteiligt" gegenüber dem austretenden Mitglied eine angemessene
Antwort war.
Im übrigen hat der Kollege Bockelmann sein "Statement" zum
Anlaß genommen, sein Mütchen an dem tumben Kritiker aus
Saarbrücken zu kühlen. Über die Email-Adresse des
Leiters der Forschungsstelle bzw. des Vorsitzenden der Gesellschaft
habe ich dazu Stellung genommen. Es ist nicht in Ordnung, Bockelmanns
spezifische Deutung des Vorgangs im Netz zu publizieren, meine Erwiderung
dazu aber nicht. Wenn Sie also das Protokoll wie angekündigt
ins Netz stellen, sollten Sie entsprechende Verknüpfungen schalten.
Und Sie dürfen gerne auch diesen Brief veröffentlichen,
ich bitte sogar darum.
Bleibt noch das Thema "Geschichtsklitterung" im Editionsbericht
der Danton-Ausgabe. Welche sachliche Argumentation mich zu dieser
Bewertung führte, kann ich interessierten Mitgliedern gerne
in einem Vortrag zur Mitgliederversammlung erläutern. (Es sind
ja noch Vortragsplätze im Programm frei.) Sie werden aber verstehen,
daß ich bis auf weiteres dem Büchner-Jahrbuch keine Beiträge
mehr überlassen werde, weil ich mich nicht noch einmal mit
Mayer in einem Band gedruckt sehen möchte. Auch meine kritischen
Anmerkungen zu Textkritik und Textkonstitution der Marburger Danton-Ausgabe
habe ich deshalb anderwärts zur Veröffentlichung eingereicht.
Auch dabei komme ich, nach einer "formal unpolemischen" Auflistung
handwerklicher Fehler, zu einem negativen Urteil. Man darf gespannt
sein, wieviele Mitglieder davon überzeugt werden können,
daß es sich um das Ergebnis einer "ranküneartigen, negativ
fixierten Verfahrensweise" handelt.
In Büchners Revolutionsdrama heißt es einmal prophetisch:
"Ich sehe alles." Nachdem in der letzten Mitgliederversammlung wie
im jüngsten Schreiben des Vorsitzenden deutlich zu erkennen
war, daß mit der Aufnahme der MBA ins Akademieprogramm auch
die letzten Reste temporärer, taktischer Zurückhaltung
in der Vereinspolitik aufgegeben wurden, glaube ich nicht ernsthaft
an die durchgreifende Besserung, die einzig mein weiteres Verbleiben
im Verein begründen könnte. Wenn es richtig ist, daß
man die Satzung ändern muß, um auch nur eine "organisatorische
Trennung von Georg Büchner Gesellschaft und Forschungsstelle"
durchzuführen, handelt es sich in Wahrheit um einen "Förderverein
Forschungsstelle ... e.V.", was schon Poschmann zum Austritt veranlaßte
und wohl auch weitere, mit der Forschungsstelle so intensiv nicht
verbundene Mitglieder zum Austritt bewogen hat und bewegen wird.
Die dringend notwendige Rückkehr zum ursprünglichen Vereinsziel,
die Büchnerforschung in ihrer ganzen Breite zu organisieren,
wird mit jedem weiteren Austritt unwahrscheinlicher. Ich fordere
Sie deshalb zum sofortigen Rücktritt auf.
Machen Sie den Weg frei für eine personelle und inhaltliche
Erneuerung der Vereinspolitik. Allein eine Neubesetzung des Vorstandes,
für den sich außer Mayer mittlerweile auch Dedner gründlich
disqualifiziert hat, und damit verbunden eine Reorganisation der
Jahrbuch-Redaktion könnten mich dazu bewegen, die Mitgliedschaft,
die ich hiermit zum 31.12.2001 kündige, doch noch fortzusetzen.
Hochachtungsvoll
Herbert Wender
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