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Frankfurter Allgemeine Zeitung, Samstag,
26. Juni 1993, Nummer 145
Kastriert oder Kosack?
Eine vorzügliche
Büchner-Ausgabe • Von Walter Hinderer
Die Überlieferung der Werke Georg Büchners ist eine
traurige Geschichte der Irrungen und Wirrungen. Sie reicht von der
Edition der „Nachgelassenen Schriften“ (1850) Ludwig Büchners, der
ersten kritischen Gesamtausgabe (1879) von Karl Emil Franzos über
die Publikation der „Sämtlichen Werke und Briefe“ (1922 bis 1958)
von Fritz Bergemann bis hin zu der unabgeschlossenen kritisch-historischen
Ausgabe (1967, 1971) Werner R. Lehmanns, welche mit manchen Verbesserungen
auch die Grundlage der revidierten Münchner Ausgabe (Carl Hanser
Verlag, 1988) bildet.
Wenn Rudolf Majut 1962 etwas
voreilig meinte, das Werk Georg Büchners sei „mit allen Methoden
der Literaturwissenschaft bis in die letzten Winkel“ durchleuchtet,
so enthüllte sich diese Ansicht bald als Illusion. Und sah es auch
1967 zunächst so aus, als liefere Lehmann alle Schlüssel zu den
Rätseln, so erschütterten diese Zuversicht bald neue, zum Teil revolutionäre
Funde des detailbesessenen Einzelgängers Thomas Michael Mayer. Dieser
regte nicht nur die Gründung der Büchner-Gesellschaft als einer
internationalen Forschungsstelle an, sondern plante auch, zusammen
mit Burghard Dedner, eine umfangreiche neue historisch-kritische
Gesamtausgabe aller Schriften und Dokumente Georg Büchners. Die
Realisierung dieser Edition scheint jedoch noch einige Jahre zu
dauern.
Wer sich heute mit Büchner beschäftigen will, ist deshalb immer
noch auf mehrere Ausgaben angewiesen. Im Falle von „Woyzeck“ empfiehlt
es sich überdies, eine Reihe von Einzeleditionen heranzuziehen,
die sich in den Lesarten nicht selten auf abenteuerliche Weise widersprechen.
Wie wäre es mit ein paar Kostproben aus dem editorischen Gruselkabinett?
Gibt Bergemann eine problematische Stelle im ersten Entwurf der
Handwerkerszene als „sandige, Mauer“ wieder, so entziffert Lehmann
„meines seeligen Mannes“, während sowohl Gerhard Schmid (1981) als
auch Henri Poschmann (1984) nur „Männer“ lesen können. Redet bei
Bergemann, Lehmann und Krause der Hauptmann von einem „Regiment
Kastrierte“, so spricht er im Text von Schmid und Poschmann von
einem „Regiment Kosack“. Zweifelsohne enthalten im handschriftlichen
Bestand die Vorstufen Hieroglyphen, die auch für geübte Fachleute
kaum zu entziffern sind. Doch selbst die weitaus sorgfältiger geschriebene
Hauptfassung des „Woyzeck“ scheint Rätsel aufzugeben. Lautet eine
Replik Woyzecks bei Bergemann „Mußt sterben“, so bei Lehmann „Mit
dießen Augen“ und bei Krause „Mußt sterben Luder“, während Schmid
„Mit seinem Arsch“ vermutet und Poschmann nur „Wirst sehn“ lesen
kann (was die Münchner Ausgabe ohne Begründung übernimmt). Angesichts
dieser mißlichen Situation fragt Poschmann nicht ohne Selbstironie:
„Wer glaubt da immer noch unbeirrt, was der Leser liest, sei dasselbe,
was der Autor geschrieben hat?“ Daß diese Textbeliebigkeit für die
Büchner-Forschung ein ständiges Ärgernis darstellt, versteht sich
von selbst. Obwohl wir inzwischen kritische Studienausgaben vom
„Hessischen Landboten“ (Gerhard Schaub, 1976), „Dantons Tod“
(Thomas Michael Mayer, 1980,1985), „Leonce und Lena“ (Thomas Michael
Mayer, 1987) und „Lenz“ (Hubert Gersch, 1984) besitzen, harrt das
übrige Werk von den Briefen bis hin zu den naturwissenschaftlichen
und philosophischen Schriften noch zuverlässiger Spurensicherung.
Selbst von dem nach der Textüberlieferung problematischsten aller
Werke Büchners, dem Fragment „Woyzeck“, lassen sich seit der Faksimile-Ausgabe
Gerhard Schmids (1981) und der Edition Henri Poschmanns (1984) deutlich
Fortschritte notieren, wenngleich es andererseits zweifelhaft erscheint,
daß die verblaßten Handschriftenentwürfe je mit absoluter Sicherheit
entziffert werden können.
Angesichts der vielen ungelösten
Probleme muß man den Mut des renommierten Büchner-Forschers Henri
Poschmann bewundern, daß er, zusammen mit seiner Frau, für den Deutschen
Klassiker Verlag eine zweibändige Edition von Georg Büchners „Sämtlichen
Werken, Briefen und Dokumenten“ erarbeitet hat, von der nun der
erste Band mit den Dichtungen und Übersetzungen vorliegt. Obwohl
Poschmanns Ausgabe nicht (wie die von Lehmann) den Anspruch einer
historisch-kritischen Edition erhebt, besticht dieser erste Band
durch souveräne Sachkenntnis und philologische Akribie. Der Herausgeber
begründet detailliert alle textkritischen Entscheidungen und kommt
zu ebenso überraschenden wie einleuchtenden Lösungen.
Im Falle von „Dantons Tod“, dem
einzigen Drama, das zu Lebzeiten Büchners in einer (wenn auch entstellten)
Druckfassung erschien, geht Poschmann konsequenter als Lehmann auf
die in Weimar aufbewahrte Handschrift zurück und schaltet nicht
eindeutig autorisierte Zusätze aus, von denen selbst die sorgfältige
Edition Mayers nicht frei ist. Poschmann behandelt die unsystematischen
Bleistiftnotierungen Büchners in den sogenannten Widmungsexemplaren
an die Straßburger Freunde Johann Wilhelm Baum und August Stöber
mit durchaus überzeugenden Argumenten als Varianten - und nicht
wie die früheren Editoren als maßgebliche Korrekturen. Zwar hätte
Büchner sicher zu einem späteren Zeitpunkt die durch fremde Eingriffe
verdorbene Druckfassung, von der er sich nachdrücklich distanzierte,
gründlich revidiert, aber nach dem Stand der Dinge kann nur die
Handschrift die maßgebliche Grundlage für den Text bilden, sosehr
auch den hingeworfenen Schriftzügen die Hast anzumerken ist, unter
der die Produktion des dramatischen Erstlings stand. Nach dem Scheitern
der politischen Aktion, für die er mit seiner Flugschrift „Der Hessische
Landbote“ ohne Erfolg agitiert hatte, mußte er ständig mit seiner
Verhaftung rechnen. Sein „Arbeiten“ an „Dantons Tod“, so überliefert
durchaus glaubwürdig der Bruder Ludwig Büchner, „geschah im verborgenen
und war mannigfach gestört; während an seinem Arbeitstische die
anatomischen Tafeln und Schriften obenauf lagen, zog er furchtsam
unter denselben die Papierbogen hervor, auf denen er seine Gedanken
mit einer gewissen geistigen Hast niederwarf“.
Wie bereits in „Dantons Tod“,
in dem über zwanzig Prozent des Textes als historisches und literarisches
Quellen- oder Zitatmaterial nachgewiesen werden konnten, geht der
Autor Georg Büchner auch bei seinen übrigen Werken von einer festen
Materialbasis aus. Die Komödie „Leonce und Lena“, in der Büchner
in romantischer Spiellaune politische, existentielle und philosophische
Probleme, die ihn beschäftigten, ironisch bricht, steckt voller
literarischer Anspielungen und enthält überdies polemische Verweise
auf die „Chronik der Feierlichkeiten“ (1834) anläßlich der Heirat
des hessischen Erbgroßherzogs Ludwig von Hessen mit der Prinzessin
Mathilde von Bayern. Verwertet er im „Woyzeck“ einige der damals
in Fachkreisen vieldiskutierten medizinischen und juristischen Fälle,
so orientiert er sich - gerade auch im Widerspruch - in der Erzählung
„Lenz“ an dem tagebuchartigen Bericht des elsässischen Pietisten
und Philanthropen Johann Friedrich Oberlin (1740 bis 1826) über
den Besuch des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz
im Steintal.
In einem Anhang bietet deshalb
Poschmann das relevante Quellenmaterial für Büchners Dichtungen.
Es geht ihm dabei weniger um die Parallelisierung von Einzelstellen
mit den stofflichen Vorwürfen, welches dem Stellenkommentar vorbehalten
bleibt, als um die Wiedergabe möglichst vollständiger Textpartien,
welche die direkte Einsicht in Büchners ästhetische Verfahrensweise
erlaubt. Was „Woyzeck“ betrifft, so weist Poschmann über die bekannten
Dokumentationen zu den Kriminalfällen Schmolling, Dieß und Woyzeck
hinaus auch noch auf die in der Forschung bisher vernachlässigten,
aber in Büchners Zeit vieldiskutierten Mordfälle Christoph Jünger
in Darmstadt und Pierre Reviere in Frankreich hin.
Abgesehen von zwei handschriftlichen
Bruchstücken früher Entwürfe, ist von „Leonce und Lena“ kein Originalmanuskript
erhalten. Herausgeber können deshalb nur auf die von Karl Gutzkow
und Ludwig Büchner veröffentlichten Texte zurückgreifen, die allerdings
im Textbebestand differieren. Stellt Lehmann in seiner Ausgabe noch
eine „Mischfassung“ von beiden Überlieferungsträgern her und hält
Mayer Gutzkows Abdruck für autornäher als den von Ludwig Büchner,
so schließt Poschmann aus verschiedenen Indizien, daß Gutzkow aus
politischen Gründen gravierendere Texteingriffe vornahm als Ludwig
Büchner. Die Textgestalt, die Poschmann in seiner Edition bietet,
ist nicht zuletzt das Ergebnis einer folgerichtigen Konjekturalkritik.
Im Stellenkommentar verzeichnet er außerdem die Textunterschiede
von Gutzkows Abdruck. Hält sich Poschmann in seiner Edition von
„Leonce und Lena“ folgerichtiger als Thomas Michael Mayer an den
textkritischen Befund, so demonstriert er dieses Verfahren auch
bei Büchners Prosafragment „Lenz“. Poschmanns Ausgabe bietet zweifelsohne
den bisher zuverlässigsten Text von Büchners Erzählung - und zwar
nicht nur im Hinblick auf Wortlaut und Hervorhebungen, sondern auch
auf die Absatzeinteilung.
Den schwierigsten Test für jede
Büchner-Ausgabe bildet das Dramenfragment „Woyzeck“. Von den erhaltenen,
jedoch zum Teil schwer entzifferbaren drei Handschriften stellt
die lesbarste eine Art „Hauptfassung“ dar, welche auf den früheren
Entstehungsstufen aufbaut und die Büchner nicht mehr vollenden konnte.
Abgesehen von einigen neuen Lesarten, die Poschmann bei den handschriftlichen
Entwürfen vorschlägt, enthält seine Edition eine brauchbare neue
„kombinierte Werkfassung“, die sowohl dem kritischen Textbefund
als auch der Aufführungspraxis gerecht zu werden versucht. Ein überraschendes
Resultat liegt in dem Stellenwert, den Poschmann zwei handschriftlich
überlieferten Szenen beimißt („Der Hof des Professors“, „D. Idiot.
D. Kind. Woyzeck“), die bisher allgemein einer älteren Stufe zugeordnet
wurden. Auf Grund eines Tintenvergleichs und einiger thematischer
Anhaltspunkte wertet Poschmann gegen die Einwände von Gerhard Schmid
diese Szenen als „Ergänzungsentwurf“, als „das letzte literarische
Zeugnis des Dichters vor seinem Tod“. Mag diese Entscheidung auch
für manche Büchner-Schriftgelehrten ketzerisch klingen, man wird
sich mit der Argumentation Poschmanns auseinandersetzen müssen.
Wie sehr bei Büchner wissenschaftliche und dichterische Produktion
nebeneinanderherlaufen, illustrieren nicht zuletzt die gleichen
Papiersorten, die der Autor sowohl für seine philosophischen Konzepte
als auch für seine „Woyzeck“-Foliohandschrift verwendet hat.
Bei einem dergestalt komplizierten Forschungsunternehmen kann
es nicht ausbleiben, daß der eingeweihte Leser bei aller Bewunderung
für Poschmanns überzeugende Editionsarbeit ein paar kritische Einwände
hat. Sie reichen von Kleinigkeiten wie einigen Auslassungen im Kommentar
(man vermißt etwa eine Erläuterung zu dem wichtigen Stichwort „Guillotinenromantik“)
oder obsoleten Angaben (seit 1987 beispielsweise ist der Autor der
„Nachtwachen des Bonaventura“ endgültig als August Klingemann identifiziert)
bis zu editionstechnischen Vorbehalten. Für Büchners Dramen - nicht
zuletzt im Hinblick auf die Quellennachweise und die Stellenkommentare
- hätte sich das bereits von Richard Thieberger (La Mort de Danton,
1953) und Mayer (1985) bei der Edition von „Dantons Tod“ praktizierte
System der Repliken empfohlen. Auch wäre es praktischer gewesen,
die „kombinierte Werkfassung“ des „Woyzeck“ nach und nicht vor
den Entstehungsstufen des „Woyzeck“ abzudrucken. Der Stellenkommentar
zu „Woyzeck“ orientiert sich jetzt ausschließlich an der „kombinierten
Werkfassung“ und verwischt dadurch nicht nur die wichtigen Unterschiede
in den verschiedenen Entstehungsstufen, sondern diese bleiben teilweise
„kommentarlos“.
Diese Einwände beeinträchtigen
freilich nicht Poschmanns imponierende literaturwissenschaftliche
Leistung. In den umfangreichen Kommentaren setzt er sich ebenso
profund wie kritisch mit der Textüberlieferung der einzelnen Dichtungen
(und auch der Übersetzungen) auseinander, informiert ausführlich
über Entstehung, den historischen Kontext und das von Büchner benutzte
Quellenmaterial. Am Schluß steht jeweils eine eigenständige konzise
Interpretation von Struktur und Gehalt der Dramen und des „Lenz“.
Die detaillierten Verweise im Stellenkommentar werden in dieser
Ausgabe nirgends zum Selbstzweck, sondern bleiben auf das betreffende
Stichwort bezogen. Die Kommentare erläutern, von wenigen Ausnahmen
abgesehen, alles Wissenswerte, ohne sich in Nebensächlichkeiten
zu verlieren. Henri Poschmanns Edition wird sicher für absehbare
Zeit alle früheren Büchner-Ausgaben ersetzen. Sollte der zweite
Band von derselben Qualität sein wie der erste, dürfte es selbst
die vorbereitete historischkritisch Ausgabe nicht leicht haben,
diesen editorischen Standard zu übertreffen.
Georg Büchner: „Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in wei Bänden“.
Hrsg. von Henri Poschmann. Bd. l: „Dichtungen“. Hrsg. von
Henri Poschmann unter Mitarbeit von Rosemarie Poschmann. Deutscher
Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1992. 1018 S., geb., 148,- DM,
Subskr.: 128,- DM.
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