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Gymnasium in Niedersachsen, 41. Jg., 4/5 93, September 1993
Lobenswerte Büchner-Ausgabe
| Georg Büchner. "Sämtliche Werke. Briefe
und Dokumente in zwei Bänden", hrsg. von Henri Poschmann,
Band 1: "Dichtungen", Deutscher Klassiker Verlag,
Frankfurt am Main, 1992. 1018 S., geb., DM 148.- (Subskript.
DM 128.-) |
Jeder Deutschlehrer kennt die Fülle unterschiedlicher Anordnungen
in der Szenenfolge von Büchners "Woyzeck". Sie ist symptomatisch
für die Textüberlieferung des mit 24 Jahren allzu früh Verstorbenen.
Henri Poschmann, durch mehrere Veröffentlichungen zur Textgeschichte
und durch Einzeluntersuchungen zum Werk Georg Büchners bereits bestens
legitimiert, hat nunmehr eine grundlegende und allen Ansprüchen
genügende Ausgabe der Schriften Büchners in Angriff genommen, von
der Band 1, "Dichtungen", inzwischen vorliegt.
In Zusammenarbeit mit seiner Frau hat er unter Rückgriff auf die
Handschriften und, jedenfalls für "Dantons Tod" unter
Beiziehung der zu Lebzeiten Büchners erfolgten gedruckten Ausgabe
(die vom Autor freilich wegen ihrer zensurbedingten Eingriffe und
Entstellungen heftig kritisiert wurde) nunmehr Textfassungen erstellt,
die in jeder einzelnen Entscheidung belegt und begründet wirken.
Da Büchners Handschrift, nicht zuletzt infolge der hastigen und
nur heimlich möglichen Abfassung, nur schwer entziffert werden kann,
ist die Entscheidung, sie umfassend heranzuziehen, besonders verdienstvoll.
Zu "Leonce und Lena" gibt es allerdings nur einige handschriftliche
Fragmente, so daß Poschmann hier die von Karl Gutzkow bzw. Büchners
Bruder Ludwig besorgten Ausgaben heranziehen mußte. Von der Erzählung
"Lenz" gab es lediglich eine Abschrift von Wilhelmine
Jaeglé, Büchners Verlobter, auf der Gutzkows Ausgabe basiert. Die
Abschrift ist verloren.
Die von Poschmann besorgte Edition der Dichtungen und Übersetzungen
Büchners besticht durch die sorgfältige und jederzeit belegte Vorgehensweise
bei der Texterstellung. So wird "Woyzeck" in einer "kombinierten
Werkfassung" vorgelegt, an die sich aus dem handschriftlichen
Bestand zwei Teilentwürfe Büchners sowie die Hauptfassung anschließen.
Schon hier kann der Benutzer selbst vergleichen. Im ausführlichen
Kommentarteil werden die Fassungen mit Muße diskutiert und eingehend
gewürdigt. Eine Übersicht über die unterschiedliche Anordnung der
Szenen und die von den Herausgebern erarbeitete "Zusammensetzung
der Werkfassung" schließen sich an. Entstehung, historischer
Hintergrund und die Quellen werden sorgfältig und über den allgemein
üblichen Rahmen hinausgehend ausgebreitet. Die literarische Wirkung
der teilweise erst spät uraufgeführten Werke ("Leonce und Lena"
1895, "Woyzeck" 1913 zum hundertsten Geburtstag Büchners)
stellt Poschmann ausgreifend dar, schließlich folgt ein umfangreicher
Stellenkommentar. Insgesamt umfaßt der Kommentarteil des Bandes
über 600 Seiten.
Die Betreuung der Ausgabe wirkt durchweg sorgfältig, sieht man
von einem Fehler im Literaturverzeichnis (Zagari, Büchner e la ricerca
dello stile dramatico) und gelegentlichen Mängeln in der Zeichensetzung
(S. 676 f. allerdings dreimal) und Rechtschreibung (S. 680 nach
Doppelpunkt) ab. Auch wirkt es gespreizt, wenn ein Komparativ noch
weiter gesteigert wird Weitergehender". S. 680). Davon abgesehen,
läßt der Band wohl kaum Wünsche offen. Unter diesen Umständen darf
man gespannt sein auf den abschließenden zweiten Band "Schriften.
Briefe, Dokumente". Damit wird dann eine Gesamtausgabe vorliegen,
die in keiner Lehrerbibliothek fehlen sollte.
Uwe Lehmann
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