| Thüringer Allgemeine, 19. Februar 2000
“Der ganze Büchner”
Eskalierende Kontroversen um den Dichter des
Woyzeck im wissenschaftlichen und editorischen Umfeld
Heute ist sein 163. Todestag. Das Ringen um das Werk Georg
Büchners (1813 bis 1837) aber ist bisher nicht zur Ruhe gekommen,
die Kontroversen der Interpreten und der Streit der Philologen
sind nicht abgerissen. Jetzt liegt die erste kommentierte Gesamtausgabe
seiner Werke und Briefe vor. Was zu DDR-Zeiten als eines der wenigen
deutsch-deutschen Literaturprojekte beim damals geteilten Insel-Verlag
Leipzig und Frankfurt am Main begann, fand damit seinen Abschluss:
die von Henri Poschmann aus Weimar unter tätiger Mitarbeit seiner
Frau Rosemarie im Deutschen Klassiker Verlag herausgegebene zweibändige
Ausgabe “Georg Büchner - Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente.”
Band 2 dieser Ausgabe ist seit Herbst letzten Jahres auf dem Markt.
Auf zusammen mehr als 2300 Buchseiten präsentieren Poschmanns
das Ergebnis eingehender Untersuchungen. Im Umgang mit Texten von
Büchner in rund zwei Jahrzehnten persönlich gesammelte Erkenntnisse
und Erfahrungen flossen darin ebenso ein wie das, was die internationale
Büchner-Forschung bisher herausfand. Erstmals, so erklären Verlag
und Herausgeber, liegt damit “der ganze Büchner” vor. Wo frühere
Herausgeber Büchnerscher Texte nachweislich manipulierten und Textentstellungen
von Ausgabe zu Ausgabe weitergeschleppt wurden, sind Henri und
Rosemarie Poschmann auf die wirklichen Quellen zurückgegangen, haben
die Entstehungsgeschichte der jeweiligen Texte exakt nachvollziehbar
aufgeschrieben und das gesamte Werk schließlich umfassend kommentiert.
Eine Arbeit zu Büchner, so versichern Experten, die es in dieser
Genauigkeit und Vollständigkeit bisher nicht gibt.
Derweil scheint im wissenschaftlichen und editorischen Umfeld
des Dichters und Naturwissenschaftlers Büchner ein Streit zu eskalieren,
der unter Wissenschaftlern, Germanisten und Mitgliedern in der und
um die 1979 gegründeten Büchner-Gesellschaft seit geraumer Zeit
brodelt und den das Erscheinen des abschließenden Bandes der neuen
Ausgabe offenbar zum Überkochen bringt. So weht neben Lob und Anerkennung
- wie zuletzt in der Badischen Zeitung vom 24. Dezember 1999 -
von westwärts auch scharfer Gegenwind. “Unbrauchbar” nennt das
Feuilleton der Frankfurter FAZ die Ausgabe ohne nachvollziehbare
Begründung.
Nur Insider wissen, dass der Verfasser der Rezension bis 1991
in der Forschungsstelle Georg Büchner zu Marburg tätig war, wo man
sich seit ihrer Gründung mit entsprechenden Fördergeldem um eine
eigene Büchner-Ausgabe bemüht. Dass diese noch immer nicht einmal
in Ansätzen vorliegt sorgt für Unmut zumindest bei einigen der cirka
350 Mitglieder der ebenfalls in Marburg ansässigen Georg-Büchner-Gesellschaft.
Professor Dr. Burghard Dedner, Vorsitzender der Gesellschaft und
gleichzeitig Leiter der Forschungsstelle Georg Büchner, will indes
im Gespräch mit dieser Zeitung keinen Grund zur Aufregung und keinerlei
Zusammenhänge zwischen der von Poschmann als “denunziatorisch” eingestuften
Rezension des einstigen Mitarbeiters und dem anhaltenden Ausbleiben
der Marburger Büchner-Ausgabe sehen.
Doch die Insider-Szene, so will es dem Außenstehenden scheinen,
ist in einiger Aufruhr, zumal Poschmann nicht der erste ist, der
den Marburger Büchner-Institutionen vorwirft, die Büchner-Forschung
und -Rezeption mehr zu bremsen als zu befördern. Im Klassiker Verlag
ist man überzeugt, dass die Auseinandersetzung auch bald die breite
Leserschaft erreichen werde, da es um so grundsätzliche Fragen
gehe wie die, wie man wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit mit
Büchner-Texten umgehen muss ohne sie den Lesern zu entfremden.
Die Edition Poschmanns bringt diese Diskussion voran.
Poschmann hat jetzt seinen Austritt aus der Gesellschaft erklärt,
laut Dedner ein “nur einzelne berührender Vorgang”. TA vorliegende
Meinungsäußerungen anderer Mitglieder der Gesellschaft lassen diesen
Schluss allerdings nicht zu und verweisen vielmehr auf Querelen,
die schon länger in der Gesellschaft rumoren. Im Herbst dieses Jahres
wird es - voraussichtlich in Darmstadt - die nächste Tagung der
Büchner-Gesellschaft geben. Dort sollen endlich auch die ersten
Bände der Marburger Büchner-Ausgabe präsentiert werden. Mit der
zweibändigen “Studienausgabe” des Klassiker Verlages, so Prof.
Dedner, werde diese aber nicht nur wegen des “10-mal höheren Preises”
in keiner Weise konkurrieren.
Klar ist, dass die Begegnung in Darmstadt ein Treffen von besonderer
Spannung werden dürfte. Was es aber auch werden sollte: eine Tagung,
die sich von internen Querelen löst und zum Besten der Popularität
des Dichters Georg Büchner verläuft. Sich “gerade einige Menschen
auf dem Papier totschlagen zu lassen”, wie Büchner im Zusammenhang
mit seinem “Woyzeck” in einem Brief vom 2.9.1836 schrieb, sollte
man um Büchner und uns willen - wohlweislich unterlassen. Man lese
nur im “Hessischen Landboten” nach, er ist aktueller denn je. Davon
geht auch Poschmann aus, wenn er im Umfeld der Diskussionen und
dem seines Austritts einen Brief an Dedners Adresse vom 11. Januar
2000 mit dem Appell beschließt: “Vergraulen Sie der Fachwelt nicht
länger das Thema Büchner, hören Sie auf, Lehrende und Studierende,
die Verlage, die Kritik, die Medien und das allgemeine Lesepublikum
über die Textgrundlagen der Rezeption zu irritieren und durch
Ihre Destruktionen die Wirkung des Autors zu behindern, als dessen
privilegierte Sachwalterin Ihre Forschungsstelle allen Kredit
verspielt hat!”
Heinz STADE
Büchner Schriften, Briefe,
Dokumente”, 2 Bde., Bibliothek Deutscher Klassiker des Deutschen
Klassiker Verlages Frankfurt/Main 238 DM
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