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Zürichsee-Zeitungen,
22. Februar 2000
«...immer wieder Georg Büchner!»
Der Dichter in seinen Schriften
und Briefen neu im Deutschen Klassiker Verlag (Frankfurt) ediert
So intensiv heute die Auseinandersetzung mit
Georg Büchner (1813-1837) auch sein mag, hat es ihr doch bis vor
kurzem an einer wirklich zuverlässigen Grundlage gefehlt. Die neue
zweibändige Gesamtausgabe im Deutschen Klassiker Verlag füllt diese
Lücke vorbildlich.
Martin Kraft
«Büchner, Büchner, immer wieder Georg Büchner! Die Becketts, Ionescos,
Adamovs haben alle von ihm gelernt.» So hat Günter Grass schon vor
vierzig Jahren den Autor bejubelt, der bis heute nichts von seiner
bestürzenden Modernität eingebüsst hat. Die Auseinandersetzung mit
seinem vorzeitig abgebrochenen, fragmentarisch und unzuverlässig
überlieferten Werk, seit Jahrzehnten eine Knacknuss für zahlreiche
Editoren, beruhte freilich seit je auf einer textlich unsicheren
Grundlage. Dies betrifft vor allem die politischen, philosophischen
und naturwissenschaftlichen Schriften, die bei Büchner keineswegs
Nebensache, sondern eng mit dem dichterischen Werk verflochten und
entsprechend wichtig zu dessen vollem Verständnis sind. Trotz oder
gerade wegen seiner genialen Anlagen plante er keine literarische
Laufbahn - angesichts eines politisch kontrollierten und zensurierten
Literaturbetriebs, in dem sein Schaffen sich nicht hätte entfalten
können.
Erstaunliche Erstveröffentlichung
Erstmals liegt nun nach den Worten des Herausgebers
Henri Poschmann «das Gesamtwerk Büchners in einer aus den Quellen
erarbeiteten Edition textkritisch ausgewiesen und mit umfassender
Kommentierung der historischen Werk- und Lebenszusammenhänge abgeschlossen
vor». Der Band beginnt mit den Schriften aus der Schulzeit, darunter
eine erstaunliche Erstveröffentlichung, eine parodistische Mundartfassung
von Schillers Gedicht «Graf Eberhard der Greiner von Wirtemberg»,
die bereits des Dichters Kunstfertigkeit im Umgang mit fremden Texten
beweist. Sie widersprach offenbar diametral dem an der klassischen
Philologie orientierten Schulziel, besonders den jüngeren Schülern
die «niedere» Mundart auszutreiben. Und sie demonstriert bereits
die «Lust am Volkston», die dann in «Dantons Tod» das «Römerpathos»
der Revolutionäre entlarven hilft.
Diese Schriften aus der Schulzeit sind, im Gegensatz zum dichterischen
Werk, in grossem Umfang erhalten. Allerdings handelt es sich vorwiegend
um Unterrichtsstoff, und es wurden nur Texte mit erkennbarem «geistigem
Eigenanteil» beziehungsweise ebensolcher «persönlicher Prägung»
aufgenommen. Sie sind bei einem mit 23 Jahren Verstorbenen besonders
eng mit dem dichterischen Werk verbunden, wenn sie nicht geradezu
dessen Entstehung begleiten. Sie geben einen anschaulichen Eindruck
von der umfassenden Bildung, die im damaligen Grossherzogtum Hessen
nur Angehörigen der höheren Stände zuteil wurde.
Dokumentierte Ausgabe
Gerade diese Privilegierung war Hauptantrieb für Büchners
sozialkritische Schriften, von denen einzig die berühmte Flugschrift
«Der Hessische Landbote» erhalten ist. Deren Entstehung und Wirkung
- und damit die politische Aktivität Büchners überhaupt - erhellt
diese Neuausgabe mit Dokumenten
wie Untersuchungsberichten und Verhörprotokollen.
Der Dichter als Wissenschafter
Es ist schwer nachzuvollziehen, wie Büchner neben
seinem dichterischen Schaffen und neben seiner politischen Tätigkeit
eine doppelte wissenschaftliche Karriere zumindest erfolgreich beginnen
konnte - und dies bei einer betont wissenschaftskritischen Haltung,
wie sie am krassesten die Figur des Doktors im «Woyzeck» ausdrückt.
Vom Naturwissenschafter Büchner bringt die Ausgabe nicht nur die
bekanntere Zürcher Probevorlesung «Über Schädelnerven», sondern
auch die vorangehende Strassburger Abhandlung über das Nervensystem
der Fische, «Memoire sur le système nerveux du barbeau», mitsamt
einer deutschen Übersetzung. Kaum bekannt sind die Schriften zur
Philosophie, über Descartes und Spinoza, mit denen Büchner sein
Projekt philosophiegeschichtlicher Vorlesungen an der Universität
Zürich vorbereitete. Sie beleuchten neu die philosophischen Fragestellungen,
die das dichterische Werk durchziehen.
Von den damaligen Arbeitsbedingungen eines Zürcher
Privatdozenten darf man sich allerdings keine zu rosigen Vorstellungen
machen. In Büchners letztem erhaltenem Brief, den er am 27. Januar
1837, drei Wachen vor seinem Tode, an seine Braut Wilhelmine Jaeglé
richtete, berichtet er von einem «kleinen Wirt, der aussieht, wie
ein betrunkenes Kaninchen, und mir in seinem prächtigen Hause vor
der Stadt ein grosses elegantes Zimmer vermietet hat... nicht weit
vom See, vor meinen Fenstern die Wasserfläche und von allen Seiten
die Alpen, wie sonnenglänzendes Gewölk». Ein grosses Zimmer hatte
er auch nötig, denn unterrichten musste er zu Hause. Und dafür erwies
sich die von Emigranten überfüllte und nebenbei wohl nicht gerade
gesundheitsfördernde Unterkunft an der Spiegelgasse, selbst wenn
nur fünf (!) Zuhörer kamen, als zu klein.
Schwierige Brief-Edition
Die trotz wichtigen Funden in den letzten Jahrzehnten
nur spärlich überlieferten Briefe von und an Büchner bieten besondere
editorische Probleme. Die rund hundert mitgeteilten Schreiben beziehungsweise
Auszüge daraus entsprechen dem ganzen erhaltenen Bestand, zum überwiegenden
Teil nur aus zweiter Hand überliefert, und berühren «teilweise,
ihrem geringen Umfang und ihrer unsicheren Bestimmung nach, die
untere Grenze dessen, was dazu berechtigt, noch von einem Brief
zu sprechen». Viele Schreiben konspirativen Inhaltes dürften aus
Sicherheitsgründen ohnehin gleich nach der Lektüre vernichtet worden
sein. Dazu kam die Gleichgültigkeit gegenüber dem noch längst nicht
in seiner Bedeutung Erkannten, aber auch die Angst der Erben, der
Geschwister wie der Braut, vor der Veröffentlichung von Indiskretionen.
Ein Brand im Elternhaus und ein Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg
taten das Ihre. Für zusätzliche Schwierigkeiten sorgen fehlende
oder falsche Datierungen, aber auch diverse Täuschungsmanöver -
angesichts der bis ins Zürcher Exil anhaltenden politischen Überwachung.
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Georg Büchner: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente. Zwei
Bände, Herausgegeben von Henri Poschmann. Deutscher Klassiker Verlag,
Frankfurt am Main 1999 (2400 Seiten, 288 Franken).
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