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Henri Poschmann unter Mitarb. v. Rosemarie Poschmann,
ed. Georg Büchner. Schriften, Briefe, Dokumente. Vol. 2 of:
Georg Büchner. Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente. Bibliothek
deutscher Klassiker, Bd. 169. Frankfurt/M.: Deutscher Klassiker
Verlag, 1999. 1283pp. DM 172. ISBN 3-618-60100-X.
Mit der unvollendet gebliebenen Hamburger
Ausgabe (1967/71) Werner R. Lehmanns verfügte die Büchnerforschung
zwar über eine gemäß dem Forschungsstand der Zeit mit Einschränkungen
brauchbare Edition der Texte, nicht aber über den notwendigen textkritischen
Apparat und einen ebenso notwendigen Kommentar. In der Folgezeit
erschienen diverse hervorragende Studienausgaben einzelner Werke
sowie Faksimileeditionen der Erstdrucke und der Woyzeck-Manuskripte,
die samt und sonders der Arbeit am Text zugute kamen. Bei der Marburger
Forschungsstelle Georg Büchner befindet sich seit längerem eine
großangelegte Historisch-kritische Ausgabe in Vorbereitung, deren
erste Lieferung von vier Teilbänden der Edition von Dantons Tod
für Ende 2000 vorgesehen war. Inzwischen setzt aber das Erscheinen
des zur Besprechung vorliegenden Bandes einen Meilenstein in nunmehr
rund 150 Jahren Büchnerforschung: den Abschluß der ersten kritischen
und kommentierten Gesamtausgabe der Texte des Autors.
Als 1992 der erste Band der
DKV-Ausgabe Georg Büchner. Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente
von Henri Poschmann unter Mitarbeit von Rosemarie Poschmann erschien,
der neben den "Dichtungen" die Hugo-Übersetzungen der
Lucretia Borgia und der Maria Tudor enthält, wurde
er von der Forschung eher beiläufig zur Kenntnis genommen. Das erstaunt
angesichts der Tatsache, daß die Ausgabe neben philologisch zuverlässiger
Textherstellung eine diskutable "Kombinierte Werkfassung"
der Woyzeck-Entstehungsstufen und darüber hinaus--erstmals
in der Geschichte der Büchnerforschung--detaillierte textkritische,
entstehungs- und quellengeschichtliche Studien zu den Werken und
einen in seiner Ausführlichkeit und Akribie unübertroffenen Stellenkommentar
bietet. Natürlich (wie könnte es anders sein im Fall Büchner!) ließe
sich streiten über das eine oder andere: Aspekte der Textgestaltung,
etwa der Beurteilung der Woyzeck-Überlieferung, Details im
Kommentarteil, die ja vielfach auch Interpretationsfragen betreffen,
sind als Diskussionsbeiträge zu verstehen, mit denen sich eine allenthalben
rege Forschung noch auseinanderzusetzen hätte. Inzwischen hat sich
der erste Band der DKV-Ausgabe zurecht im akademischen Betrieb als
die heute maßgebliche Edition der poetischen Texte etabliert. Der
jetzt erschienene zweite Band enthält: die Schriften und Glossen
aus der Gymnasialzeit, Der Hessische Landbote, die
beiden naturwissenschaftlichen Arbeiten, die Cartesius- und Spinozastudien,
die erhaltenen Briefe von und an Büchner sowie Materialien und Dokumente
zu den hier versammelten Schriften. Nicht wiedergegeben sind die
Auszüge aus den Bänden 1-3 von Tennemanns Geschichte der Philosophie
(1798ff.). Poschmann folgt hier dem Konsens seit Bergemann: "kann
dem Text, wenn die Auswahl des Abgeschriebenen auch eigene Akzente
setzt, insgesamt schwerlich mehr als Materialcharakter zuerkannt
werden" (928). Davon abgesehen bietet, wie es der Klappentext
verspricht, die "damit vorliegende vollständige, ausführlich
kommentierte Gesamtausgabe [...] erstmals, in sich zusammenhängend
und in überprüfter Genauigkeit, den ganzen Büchner."
Wie man weiß, ist es unmöglich,
den Revolutionär und Politiker Büchner vom Literaten, jenen vom
Naturwissenschaftler und vom Philosophen zu trennen. Denn es ist
ja gerade die Totalität seines immer auf den ganzen Wirkungszusammenhang
historischer, politisch-sozialer und (zwischen)menschlicher Prozesse
gerichteten Erkenntnisinteresses, die jeder Zeile seiner Schriften
bleibende Wirkung und oftmals bestechende Aktualität verleiht. Unter
den Verdiensten der Ausgabe Poschmanns ist es sicher einer der augenfälligsten,
diese Einheit im Werk zur Geltung zu bringen. Erreicht wird
das einmal durch die beständig übergreifenden Kommentare zu den
einzelnen Texten sowie durch die Vielzahl der Querverweise in den
jeweiligen Stellenkommentaren der beiden Bände. Zum anderen ist
es die exakte, eingehende und immer aufeinander bezogene Erschließung
der in ihrer Gewichtsetzung relativ gleichberechtigten Themenkreise
Politik - Naturwissenschaft - Philosophie - Korrespondenz
im vorliegenden Band, die weit über das bisher in der Forschung
Geleistete hinausgeht. Der erste Themenkreis beschränkt sich nicht
auf die Edition des Hessischen Landboten, der einzigen erhaltenen
politischen Schrift Büchners (die Julifassung steht im Textteil,
eine Synopse der Juli- und Novemberfassungen findet sich zurecht
im Anhang), die "noch immer an den Nerv weltweit bestehender
Verhältnisse rührt" (704). Sondern der Hintergrund wird durch
eine Dokumentation von Verhöraussagen und Untersuchungsaufzeichnungen
erhellt (627ff.), der Entstehungszusammenhang sowie die Überlieferungslage
eingehend im Kommentar (804ff.) untersucht. Hier werden auch die
neobabouvistisch-egalitäre Position Büchners, die frühkommunistische
Tendenz der "Gesellschaft der Menschenrechte," die Vermittlerrolle
Weidigs zwischen den divergenten Gruppen der Widerstandsbewegung
Oberhessens sowie die anhaltende Wirkung der Flugschrift verdeutlicht.
Interessante Anmerkungen finden sich zu Büchners adressatenbezogener
Strategie und der Integration literarischer (Jean Paul) und biblischer
Zitate, die den Autor "als genialen Schrittmacher der Vergesellschaftung
von geistigem Eigentum" (842) ausweist und die Zitatästhetik
der poetischen Werke vorwegnimmt. In der Frage der Abgrenzung der
Textschichten Büchners und Weidigs hält sich der Stellenkommentar,
von einigen Verweisen auf die Arbeiten T.M. Mayers abgesehen, weitgehend
zurück.
Der Themenkreis Naturwissenschaft
ist durch die Ausgabe der Dissertation Mémoire sur le système
nerveux du barbeau (im Anhang die Übersetzung von Otto Döhner),
der Probevorlesung Über Schädelnerven, einen Bericht "Ueber
die Nerven der Fische. Nach einem Vortrage des Hrn. Büchner in der
am 4. Mai gehaltenen Sitzung der Straßburger Naturhistorischen Gesellschaft,"
Johannes Müllers Rezension der Dissertation und zwei Exzerpte aus
Tennemann bzw. Herbart zu Spinoza repräsentiert. Durch die letzteren
wird die Brücke zwischen der naturwissenschaftlichen Arbeit und
ihren philosophischen Voraussetzungen geschlagen. Die Kommentare
der naturwissenschaftlichen Schriften geben Aufschluß über die jeweilige
Entstehung, den wissenschafts- und werkgeschichtlichen Hintergrund
und die Rezeption der Dissertation. In den vergangenen zwei Jahrzehnten
hat sich die Forschung um eine adäquate Situierung des Naturwissenschaftlers
Büchners im Wissenschaftsdiskurs der Zeit bemüht. Die Ausgabe Poschmanns
trägt hierzu entscheidend bei, indem sie das "schiefe Bild
vom Naturwissenschaftler Büchner, das durch die einseitige Zurkenntnisnahme
der Probevorlesung Über Schädelnerven entstanden ist"
(702f.), zurechtrückt und der Dissertation die ihr gebührende Schlüsselstellung
in der wissenschaftlichen und ästhetischen Entwicklung des Autors
zuweist. Den quantitativ größten Anteil des Bandes beansprucht die
Edition und Kommentierung der philosophischen Schriften. Zu Recht
tritt Poschmann der häufig vertretenen Annahme entgegen, daß die
Cartesius- bzw. Spinozastudien nicht viel mehr seien als Notizen
oder Exzerpte: "Vielmehr sind es aus den Quellen erarbeitete
originäre kritische Rekonstruktionen der Begründungstexte des neuzeitlichen
wissenschaftlichen Denkens" (703). Der Kommentar (vgl. v.a.
"Problemzusammenhang" 932ff.) und die jeweiligen Stellenkommentare
zu "Cartesius" und "Spinoza" waren praktisch
ohne einschlägige Vorstudien zu erarbeiten. Die Neulektüre von Texten
und Kommentar bestätigt Poschmanns These von der Zentralstellung
philosophischer Fragen im Denken Büchners. Es ist unbestreitbar
das Verdienst der Ausgabe, den Themenkomplex der Philosophie erstmals
vom Nimbus des Esoterischen zu befreien und ihn der Forschung zugänglich
zu machen. Freilich wird weiter darüber zu diskutieren sein, ob
die tiefgreifende politische und persönliche Krise Büchners im Winter
1833/Frühjahr 1834 in der Tat auch eine "universelle philosophische
Dimension" (1103) im Sinn einer Spinoza-Krise enthält. Vorbildlich
(auch wenn einige Datierungen und die Überlieferung der Zeugnisse
durch Ludwig Büchner natürlich strittig bleiben müssen) ist die
Edition und Kommentierung der Korrespondenz, von der nur ein geringer
Bruchteil erhalten ist (vgl.1052ff. zu den Überlieferungsverhältnissen),
zu der sich aber hier im Stellenkommentar eine Vielzahl neuer Ergebnisse
findet.
Es ist im Rahmen einer kurzen
Rezension unmöglich, dem bedeutendsten editorischen Projekt der
Büchnerforschung des gerade vergangenen Jahrhunderts, das dieser
zweite Band beschließt, auch nur annähernd gerecht zu werden. Jegliche
Beckmesserei wäre hier verfehlt. Man wünscht dem Band, wie seinem
Vorgänger, konstruktive und anhaltende kritische Resonanz und (vielleicht
auch in einer preisgünstigeren Taschenbuchausgabe) einen weiten
Leserkreis.
GERHARD P. KNAPP University of Utah
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