http://literaturkritik.de
Ein Glücksfall
Zur Taschenbuch-Ausgabe der "Sämtlichen Werke"
Georg Büchners
Von Gunnar Kaiser
Die Situation mutet komisch, ja grotesk an: Ein Werk, das im Zeitraum
von weniger als acht Jahren aus Geist und Feder eines Mannes geflossen
ist, dessen Leben bereits im Alter von 23 Jahren endete, zieht eine
Wirkungs- und nicht zuletzt Editionsgeschichte nach sich, in deren
Verlauf ganze Lebensprojekte gescheitert sind. Zwischen der Schmalheit
des Büchnerschen Œuvres und dem erklärten Willen seiner
Herausgeber zu ebenso minutiöser wie extensiver Kommentierung
besteht dabei eine die Paradoxie vervollständige Diskrepanz.
Unbestritten ist die prinzipielle Notwendigkeit eines solchen Vorgehens,
das sich aus der Büchners Modernität begründenden
Vielschichtigkeit ergibt. Auch die zahlreichen Bearbeitungen, sei
es für das Theater, die Musik oder die Literatur, übersteigen
in ihrer Quantität den Textkörper, auf den sie sich beziehen,
um ein vielfaches. Die wissenschaftliche Sekundärliteratur
ist längst ins Unübersichtliche gewachsen und auch die
vielen sich zum Teil erheblich voneinander unterscheidenden Textausgaben
tragen nicht gerade zur Entkomplizierung des Büchner-Bildes
bei. Die bunte Geschichte der Versuche zu einer Gesamtausgabe stellt
sich zudem, vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten, als Schlachtfeld
dar. Georg Büchners Bruder Ludwig besorgte 1850 die "Nachgelassenen
Schriften", es folgte eine 1879 "Erste kritische Gesammt-Ausgabe"
und die von Fritz Bergemann in den 1920er Jahren begonnene und beinah
vierzig Jahre später neu durchgesehene Gesamtausgabe der Werke
und Briefe. Mit der unabgeschlossenen Historisch-Kritischen Ausgabe
von Werner R. Lehmann schließlich schien das Unternehmen,
Büchners Text endgültig dingfest zu machen, gescheitert,
bis sich im Jahre 1979 die Georg-Büchner-Gesellschaft und ein
Jahr darauf die Marburger Forschungsstelle Georg Büchner unter
anderem zu dem Zweck konstituierten, eine neue, auf 14 Bände
bemessene Historisch-kritische Ausgabe zu erarbeiten.
Die Tatsache, dass das Erscheinen der ersten Bände auf sich
warten ließ, bot unterdessen anderen Forschern die Möglichkeit,
eine akzeptable Ausgabe der Texte vorzulegen. So geschehen vor nunmehr
einem Jahrzehnt durch Henri Poschmann im Deutschen Klassiker Verlag.
Seine zweibändige, textkritische und ausführlich kommentierte
Ausgabe der Dichtungen, Schriften und Briefe mitsamt allen Fassungen
und Entwürfen begeisterte damals weite Teile der Fachpresse,
die von einem schwer zu übertreffenden editorischen Standard
sprach und gar mutmaßte, die Edition werde "sicher für
absehbare Zeit alle früheren Büchner-Ausgaben ersetzen."
Vier Monate nach dem Erscheinen des fünften Bandes der Historisch-kritischen
Büchner-Ausgabe ("Lenz") und einige Monate vor dem
voraussichtlichen Erscheinen von "Leonce und Lena" (Bd.
6) ist nun die Gesamtausgabe des Deutschen Klassiker Verlages als
Taschenbuch erhältlich. Der erste der beiden Bände, der
1992 erstmals erschien, enthält neben Büchners Dichtungen
Übersetzungen zweier Dramen Victor Hugos, "Lucretia Borgia"
und "Maria Tudor". Die Arbeit des Büchner-Herausgebers
sieht sich natürlich vor allem beim "Woyzeck" mit
seinen z. T. unentzifferbaren Handschriften vor arge Probleme gestellt.
Poschmann bietet hier, sozusagen mit doppelter Rücksicht auf
Authentizität und Aufführungspraxis, eine akzeptable "Kombinierte
Werkfassung", der dann die beiden Teilentwürfe, die Hauptfassung
und der Ergänzungsentwurf folgen. Über die verworrene
Textüberlieferung gibt eine nützliche Übersicht Auskunft.
Darüber hinaus bringt der Anhang die wichtigsten Quellentexte
zu den Dichtungen.
Der zweite, 1999 erschienene Band ist in die Abteilungen Schriften
aus der Jugendzeit, Schriften über Politik, Naturwissenschaft
und Philosophie sowie die Briefe von und an Büchner unterteilt.
Unter den Schriften aus der Jugendzeit findet sich erstmals eine
von Büchner ins Hessische übertragene Version einer Schiller-Ballade.
Die Abteilung "Politik" gibt die Juli-Fassung des "Hessischen
Landboten" wieder und im Anhang einen Paralleldruck der früheren
und der späteren Fassung. Des weiteren versammelt der Band
nützliche Dokumente zur politischen Situation im Hessen der
1830er Jahre, so beispielsweise den Steckbrief, mit dem man den
21-Jährigen Studenten der Medizin gerichtlich suchte. Neben
der Probevorlesung "Über Schädelnerven" bietet
die Ausgabe die Straßburger Dissertation "Mémoire
sur le système nerveux du barbeau" mitsamt Übersetzung
im Anhang sowie einer Rezension von 1836. Die Manuskripte über
"Cartesius" und "Spinoza" sind abgedruckt, während
die z. T. wortgetreuen Exzerpte von Tennemanns "Geschichte
der griechischen Philosophie" fehlen. Hier gehört es zu
Poschmanns Leistungen, die Eigenständigkeit der kritischen
Auseinandersetzung Büchners mit den Ursprüngen des rationalistischen
Weltbildes, Descartes und Spinoza, aufgezeigt zu haben.
Beide Bände weisen neben der überzeugenden philologischen
Arbeit der Textherstellung kenntnisreiche Kommentare zu den Texten
auf, die sich Übersichtskommentare und zeilenbezogene Stellenkommentare
gliedern. Diese bieten Textvarianzen, Differenzen gegenüber
anderen Ausgaben und einzelne Text- und Sachzusammenhänge,
jene informieren über die Entstehung und Überlieferung
sowie über den historischen und literarhistorischen Hintergrund.
Durch den steten Verweis auf andere Werke, aber auch auf die nicht-literarischen
Schriften gelingt es Poschmann, die enge Verzahnung und die vielfältigen
Bezüge im Werk Büchners deutlich zu machen. Literarische
Tätigkeit, Naturwissenschaft, Politik und Philosophie stehen
bei Büchner nicht isoliert, sondern sind immer essentiell auf
das Ganze bezogen.
Die Texte sind, gemäß der Regelung des Deutschen Klassiker
Verlages, der neuen und bereits wieder veralteten Orthografie angeglichen;
die Entwürfe (die im Fall des "Woyzeck" allerdings
den gesamten Text betreffen), Quellen und Dokumente verbleiben in
ihrer originalen Schreibweise. Die Literaturverzeichnisse, nach
Ausgaben, Quellen, Bibliographien und Sekundärliteratur geordnet,
sind detailliert; gleichwohl hätte man sich angesichts der
rasanten Entwicklung der Büchner-Interpretation seit den letzten
zehn bzw. drei Jahren eine Aktualisierung dieses Teils der Taschenbuchausgabe
gewünscht. Diese Rasanz ist es auch, die im Leser den Wunsch
nach Überblick, nach Zugang zu besserem Verständnis verstärkt
hervorruft. Was Poschmanns Büchner-Ausgabe im bestem Sinne
"brauchbar" macht, ist daher nicht zuletzt – bei aller
Akribie und Ausführlichkeit – ihr kluger Sinn zur Selbstbeschränkung
auf dem weiten, ja unendlichen Feld der Büchner-Forschung.
Dass sie nun als Taschenbuch vollständig, seitenidentisch und
fast siebenmal preiswerter erhältlich ist, kann nur als Glücksfall
für den Büchner-Freund bezeichnet werden.
|