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K L A S S I K E R
Der Herausgeber als Titan
Bis aufs letzte Komma recherchierte, "kritische" Ausgaben berühmter
Dichtungen gelten als Gipfeltaten philologischer Gelehrsamkeit.
Doch häufig sind die kostspieligen Unternehmen nur monströs und
skurril - wie jetzt die ersten Bände einer monumentalen Büchner-Edition.
Das Buch war klein, und es wurde ein Ladenhüter. Wohl versprach
der Untertitel "Dramatische Bilder aus Frankreichs Schreckensherrschaft"
- aber einen Gulden und zwölf Kreuzer, den Gegenwert einer Postkutschenfahrt
vom Verlagsort Frankfurt ins nahe Darmstadt, mochte im Jahre 1835
kaum jemand für "Dantons Tod" hergeben.
Heute zählt das Erstlingswerk des Medizinstudenten Georg Büchner
(1813 bis 1837), geschrieben in kaum fünf Wochen, zum harten Kern
der Weltliteratur. Das kurze, aufwühlende Stück, eine Folge grimmiger
Momentaufnahmen aus dem Paris des Revolutionsterrors und der Guillotinen,
steht mit obenan auf den Leselisten vieler Schüler und Studenten.
Um Dantons verzweifelt-radikalen Zynismus ("Die Welt ist das Chaos")
und seine Frage kennen zu lernen, was es denn sei, das "in uns hurt,
lügt, stiehlt und mordet", genügen sechs Mark beim Deutschen Taschenbuch
Verlag und vier Mark bei Reclam; im Internet ist der Text gar umsonst
zu haben.
Wer das Werk allerdings gründlicher studieren will, muss seit kurzem
Handkoffer und Scheckkarte bereithalten. In den ersten Bänden einer
"historisch-kritischen Ausgabe" von Büchners "Sämtlichen Werken
und Schriften", die jüngst bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft
erschienen sind, bringt es "Dantons Tod" samt Anhängen auf stolze
1640 Seiten. Preis des Trumms aus vier mattroten Leinenbänden: 480
Mark.
Für einen "Danton" zum Lesen wäre das ziemlich unverschämt. Aber
zur beschaulichen Lektüre taugen die Bücher im A4-Format ohnehin
kaum. Fast am leichtesten lässt sich in der Dünenlandschaft gelehrter
Anmerkungen und Kürzel Büchners eigenes Manuskript entziffern.
Seite für Seite ist die originale Reinschrift abgebildet; daneben
ist jeweils eine Lesehilfe gedruckt, die alle Verschreiber, Kleckse
und Streichungen peinlich genau registriert. Es folgt der komplette
Text ein zweites Mal, nun in "genetischer Darstellung", die sämtliche
Überarbeitungen Büchners sichtbar machen soll.
Neben einer weiteren Textversion sind alle Zensurstreichungen und
Druckfehler versammelt. Zum vierten und letzten Mal darf Danton
endlich in einem "quellenbezogenen Text" sterben, der mit acht verschiedenen
Arten von Strichel- und Pünktchenlinien anzeigt, aus welchen Büchern
Büchner sich anregen ließ.
Doch damit bei weitem nicht genug: Selbst diese Vorlagen sind abgedruckt
und erläutert - im dicken dritten Teil. Wer dann noch immer nicht
kapituliert hat, bekommt im Schlussband Sacherklärungen zu jeder
Figur und jedem der 663 Dialogabschnitte des Werks geliefert. Zudem
verfolgt ein "Editionsbericht" von fast 200 Seiten auf den Tag genau
das Werden von "Dantons Tod" und seine Wirkung bis 1851, aber auch
Büchners gesamte Lebensgeschichte - bis hin zu seinen Großeltern
oder den politischen Ansichten seiner Deutschlehrer.
Wer kann das alles lesen? Wer will das alles wissen? "Luxusbegräbnis"
nennen es manche Kollegen, doch Thomas Michael Mayer von der Marburger
"Forschungsstelle Georg Büchner" kann den Spott nicht verstehen.
"Der ,Danton' ist nun einmal außerordentlich quellenbezogen", sagt
Mayer, 53, der gemeinsam mit Burghard Dedner, dem Leiter der Forschungsstelle,
die Ausgabe verantwortet.
Beim Studium der Bände solle man sich "an den Schreibtisch des
Autors versetzt" fühlen, seine Arbeit verfolgen können. Dedner hofft
sogar, dass sich auch ganz gewöhnliche "Freunde der Literatur" über
die neue "Danton"-Ausgabe beugen werden; schließlich sei hier mit
"einem gewissen Anspruch auf Vollständigkeit", als eine "Dauerausstellung
in Buchform", alles versammelt, was zum "Danton" zu sagen sei.
Schön wär's ja. Doch den wenigen Fachleuten, die sich unerschrocken
ins Dickicht der Kürzel und Verweise wagen können, ist seit langem
klar, dass Vollständigkeit auch auf 1640 großen Seiten, also etwa
dem 30- bis 50fachen des ursprünglichen Werks, eine Illusion bleibt.
Schlimmer noch: Etliches, was da steht, ist zweifelhaft.
So fehlt ausgerechnet für die wesentlichste Neuerung im Text, eine
Szenenumstellung gegen Büchners eigene Hinweisstriche, die plausible
Begründung. Und über manche historische Einordnung im Kommentarteil
urteilt der Germanist Herbert Wender aus Saarbrücken, der sich intensiv
mit den frühsozialistischen Utopien der Revolutionäre um Danton
befasst hat: "Das wird so keinen Bestand haben, das ist Geschichtsklitterung."
"Hybride", also verstiegen, findet auch Büchner-Biograf Jan-Christoph
Hauschild aus Düsseldorf, früher ein enger Mitstreiter Mayers, den
Totalanspruch der Edition, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(DFG) großzügig gefördert wird. Tatsächlich sind für die wenigen
Werke und Briefe Büchners, der 1837 mit nicht einmal 24 Jahren starb,
inzwischen 18 majestätische Bände vorgesehen - ob sie nach Plan
im Jahre 2012 fertig sein werden, kommentiert selbst Burghard Dedner
mit "so Gott will". Hilfe vom Himmel ist wohl nötig. Denn die Marburger
sitzen gleich in drei selbst gestellten Fallen: der Theoriefalle,
der Geldfalle und der Prestigefalle.
Entscheidend für den gigantomanischen Zuschnitt der Ausgabe war
die Entwicklung der Editionstheorie. Seit etwa 30 Jahren, angeregt
vom Befreiungspathos der Studentenrevolte, hat sich in der Herausgeberzunft
allmählich die Ansicht verbreitet: Gründliche, "historisch-kritische"
Werkausgaben für große tote Dichter sollten nicht bloß jeden hinterlassenen
Schriftfetzen des Autors abdrucken, sondern dem Leser auch einen
Blick hinter die Kulissen erlauben - die des Autors und seiner Arbeitsweise,
aber auch die des Herausgebers.
Der wichtigste Anstoß kam von Dietrich Eberhard Sattler, einem
linken HölderlinFanatiker aus Bremen. Die über Jahrzehnte erarbeitete
"Große Stuttgarter Ausgabe" der Werke Hölderlins (1770 bis 1843)
mit ihren säuberlich sortierten Varianten und Gedichtfassungen,
erklärte Sattler scharf, sei eine Bevormundung der Leser.
Um das Jahr 1806 zum Beispiel, kurz vor seinem Absturz in den Irrsinn,
hatte Hölderlin dichterische Eingebungen wie lose Mosaiksteinchen
auf Blätter eines großformatigen Hefts verstreut. Wer, so argumentierte
Sattler, dürfe sich anmaßen, aus diesem wahnwitzig befreiten Schwall
einzelne Gedichte, gar verschiedene Fassungen zu destillieren? Konsequent
ließ er seit 1975 Hölderlins Manuskripte als Faksimile-Fotos mit
gedruckten Entzifferungshilfen drucken - in sperrigen Bänden, die
enorme Vorkenntnisse vom Leser fordern.
Die dunkelsten Poesien des schwäbischen Sehers hat sich Sattler
für das Finale seiner fast 30-jährigen Tour de Force aufbewahrt.
Vor wenigen Wochen durften Kritiker endlich ein Probeexemplar des
letzten Doppelbands betrachten. Statt hehrer Hymnen ist für Uneingeweihte
darin selbst auf den zweiten und dritten Blick nur ein Wörtergestrüpp
auszumachen. Dass Geniales drinsteckt, dafür bürgen fast nur noch
die spärlichen Priesterworte des Herausgebers.
Inzwischen sind die Spezialisten weitgehend einig, dass Sattlers
Verfahren sich für Hölderlins Orakelblätter gelohnt hat - auch wenn
seine "Frankfurter Ausgabe" inklusive Supplementbänden zusammen
weit über 4000 Mark kostet. Die Folgen indessen hat keiner vorausgesehen.
Kaum war das Faksimile-Prinzip einigermaßen anerkannt, da wendeten
Sattlers Kollegen es auch schon auf Autoren an, deren Manuskripte
meist mühelos lesbar sind.
Verehrer des Rätsel-Lyrikers Paul Celan (1920 bis 1970) können
jetzt ergriffen seine Wörterlisten und Kugelschreibernotizen anstaunen
- egal, ob es die Gedichte verständlicher macht oder nicht. Sogar
banale Postkarten des Schweizer Erzählers Conrad Ferdinand Meyer
(1825 bis 1898) sind nun im Faksimile zu bewundern.
Fehlt das Originalmanuskript, dann muss schon mal die erste gedruckte
Ausgabe herhalten, damit ein geheiligter Urtext mit Kommentaren
und Entstehungsspuren umstellt werden kann - nächstes Jahr soll
in der Büchner-Ausgabe eine banddicke "Dekonstruktion" (Dedner)
der wenige Seiten langen Erzählung "Lenz" erscheinen.
Kostspielig sind solche Bücher allemal. Wenn aber zur Großedition
eine eigene Forschungsstelle gegründet wird - heute fast die Regel
- schnappt die Geldfalle zu.
Fünf Mitarbeiter, zwei Hilfskräfte und eine Sekretärin, sechs eigene
Arbeitsräume mit Kopierer, Panzerschrank, Spezialbibliothek und
ausgiebigem Schriftverkehr unter-hält seit Jahren die Marburger
Forschungsstelle. Aus einem Unternehmen, das ehedem ein Germanistikprofessor
mit normalen akademischen Mitteln bewältigte, wird so eine Manufaktur
mit stattlichem Etat. Büchner-Fuchs Mayer gibt zu: Müssten Käufer
der "Danton"-Bände auch für die über 13 Jahre dauernde Förderung
durch die DFG aufkommen, dann kostete das Konvolut mehr als ein
gleich großer Goldbarren.
Selbst dieser Aufwand könnte für ein Pionierunternehmen sinnvoll
sein, wäre da nicht die dritte Falle: die des Prestiges. Der Zwang,
Neuigkeiten vorzuweisen, verwandelt viele "historisch-kritische"
Editionsprojekte zu Momentaufnahmen eines Schlachtfelds der Gelehrsamkeit.
Der saurierhafte Marburger "Danton" ist ein gutes Beispiel dafür.
Denn die uferlosen Details zu historischen Gestalten wie Robespierre
oder Saint-Just und eine penibel an Büchner-Zitate angehängte Geschichte
des Revolutionsterrors samt Meinungsströmungen sind nicht bloß als
Fleißbeweis gedacht. Im Kommentar spiegelt sich das seit einem Jahrhundert
andauernde Hickhack der Forscher - etwa darum, wer von den Volkstribunen
im "Danton" eigentlich Recht hat.
Zwar kann niemand beweisen, dass der junge Autor überhaupt Partei
nehmen wollte. Aber Dedner und Mayer, die Büchner seit langem als
eine Art idealen Revoluzzer darstellen, verfechten ihr heroisches
Bild selbst dort, wo Beweise fehlen. "Mehr als unwahrscheinlich",
"verzerrend und einengend", "... hält sich hartnäckig die Auffassung"
- so werden anders denkende Kollegen abgekanzelt.
Für desto wichtiger erachten es die beiden, dass Büchner Ende 1834
am Plan, befreundete Widerständler zu befreien, "vermutlich organisatorisch
führend beteiligt" gewesen sei. Jan-Christoph Hauschild, mit der
beste Kenner, nennt die "Danton"-Kommentare geradezu ein "Mitteilungsblatt
neuester Erkenntnisse zu der Tätigkeit hessischer Oppositioneller
zwischen Herbst 1834 und Frühjahr 1835".
Nur: Zum tieferen Verständnis von "Dantons Tod" tragen die Spekulationen
über Büchners Untergrundkontakte so gut wie nichts bei. Es sind
Botschaften an Eingeweihte wie Herbert Wender. Der hat aus dem Anmerkungswust
sofort herausgefiltert, dass Mayer und Dedner in ihrem Dauerstreit
mit anderen Büchner-Forschern eine "Frontbegradigung" vorgenommen
haben.
Können solch verdeckte Scharmützel der Sinn einer Ausgabe sein,
die mit öffentlichen Mitteln und dem Einsatz einer "Georg Büchner
Gesellschaft e. V." gefördert wurde und wird? Sind Editoren noch
ernst zu nehmen, die 1640 Seiten für ein kurzes Drama brauchen,
aber im Kleingedruckten erklären, die Voraussetzungen des Werks
seien "noch keineswegs mit hinreichender Differenziertheit dargelegt"?
"Wer Goethe auf diese Art edieren wollte, brauchte locker mehr
als tausend Bände", spottet Jan-Christoph Hauschild. In Marburg
sind einstweilen nur 18 geplant. Vielleicht werden die ja wirklich
bis 2012 fertig. Dann hat der streitbare Monomane Mayer die Pensionsgrenze
erreicht und kann es Jüngeren überlassen, Georg Büchners Werk mit
Tausenden von Kommentarzeilen zur Festung umzubauen.
JOHANNES SALTZWEDEL
© DER
SPIEGEL 51/2000
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