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Mayers Text beruht vom ersten Satz an auf der Unterstellung, meine
Einwände gegen die Erörterung textkritischer Sachverhalte in der
Marburger Ausgabe seien nicht intrinsisch, hier: editionswissenschaftlich,
sondern extrinsisch, nämlich 'politisch' motiviert. Fast wörtlich
hat dann Burghard Dedner, Mayers Chef an der Marburger Forschungsstelle,
an der die Ausgabe erarbeitet wird, noch in der Anrede eines Offenen
Briefes (vom 24. Juli 2001) Mayers Eingangssatz wiederholt, um mich
als Hauptübeltäter an den Pranger zu stellen: weil ich verantwortlich
wäre für die öffentliche Kritik, die seit einem SPIEGEL-Artikel
im Dezember 2000 über den "Marburger Institutionen" der
Büchnerforschung niedergegangen ist.
Folgt man der Argumentation von Mayer und Dedner, hätte ich im
nachhinein meine Beweggründe offengelegt:
"Herbert Wender hat am 30. Juni 2001 auf der Jahresversammlung
der 'Georg Büchner Gesellschaft' wörtlich erklärt, er werde die
[...] Danton-Bände der Marburger Büchner-Ausgabe 'bis aufs letzte
bekämpfen'. [...] Der ostensible Hauptgrund für diesen Feldzug [...]
ist ein politischer." (Mayer)
"Sehr geehrte Damen und Herren, am 30. Juni 2001 erklärte
Herr Dr. Herbert Wender aus Saarbrücken es öffentlich zu seinem
Ziel, die von uns im letzten Jahr herausgegebene Edition von Büchners
'Danton's Tod', den zuerst erschienenen Teil der Marburger Büchner-Ausgabe,
'bis aufs Letzte zu bekämpfen'. Zu den Mitteln dieses Kampfes gehört
eine extensive Pressekampagne." (Dedner)
Ich meinerseits behaupte dagegen: Das sind taktische Winkelzüge,
die davon ablenken sollen, daß meine textkritischen Einwände die
Ausgabe an einer Stelle treffen, wo die Herausgeber sich für unangreifbar
hielten. Ich will nicht mit Mayer darüber rechten, ob er als geübter
Gedankenleser, der ja auch schon Hauschilds Psyche bis ins Innerste
ergründet hat, es wirklich so weit gebracht hat, daß ihm meine Gründe
'ostensibel' wären – und gar der Hauptgrund! Es ist in diesen Dingen
so, daß ihm glauben wird, wer ihm glauben will. Allen anderen aber
sei gesagt, daß ich hier in Saarbrücken eine ganze Reihe von Personen
benennen kann, die wissen, daß mich seit langem die Frage beschäftigt,
ob Büchners Stück 3-aktig oder 4-aktig intendiert war. (Und man
muß sich nicht als Testamentsvollstrecker des Dichters fühlen, um
solche Fragen nach Autorintentionen zu stellen.) Ich denke, es ist
nicht übertrieben, wenn ich sage, daß enttäuscht wird, wer mit solchem
Fragehorizont der Marburger Danton-Ausgabe sich zuwendet. Hier liegt
der nicht "ostensible", doch immerhin tatsächliche Hauptgrund
für eine Kritik, "die in dem Satz gipfelt, mit unserer [sc.
der Marburger] Ausgabe habe die 'textkritische Diskussion' zu dem
Drama 'noch nicht einmal richtig begonnen' " (Dedner).
Ich habe nun also auf zweierlei zu erwidern: erstens auf Mayers
Versuch, meine Einwände gegen seine textkritischen Darlegungen zu
entkräften, und zweitens auf Dedners Unterstellung einer rufschädigenden
"Pressekampagne". Letzteres ist mir entschieden wichtiger,
denn über ersteres wird letztlich in der weiteren editionswissenschaftlichen
Fachdiskussion entschieden werden und nicht in Replik und Duplik
aus aktuellem Anlaß. Daß hingegen Dedner eine unbestimmte Anzahl
von Kollegen und insbesondere auch meine unmittelbaren und mittelbaren
Dienstvorgesetzten angeschrieben hat, um den angeblichen "Amoklauf"
(Mayer), der die ganze Zunft in Verruf bringe, zu stoppen, das geht
so entschieden zu weit, daß ich – nachdem meine Forderung nach Rücknahme
dieser Vorwürfe in Marburg kein Gehör gefunden hat – den "Eklat"
(www.netzeitung.de 2.7. 17:28) wenigstens in den Grundzügen aus
meiner Sicht referieren will, damit nicht unwidersprochen im Raum
stehen bleibt, was auf der Homepage der Marburger Forschungsstelle
weiterhin behauptet wird. (Einem entsprechenden Leserbrief Dedners
in der Frankfurter Rundschau vom 27. Juli 2001 habe ich bereits
in einem am 6.8. veröffentlichten Leserbrief widerspochen.)
a. Zu Mayers Erwiderung
Es trifft sich in dieser Situation gut, daß sich Mayers 'vorläufige'
Erwiderung in wenigen Sätzen erledigen läßt; erst auf die angekündigte
vervollständigte Version werde ich dann gegebenenfalls ausführlicher
zu antworten haben. Mayer behauptet "Ad A.", der von ihm
– nach Lehmanns Hypothese, die Handschrift H sei von Büchner nach
Frankfurt geschickt worden und damit der letzte autornahe Textzeuge
vor der Drucküberlieferung in j und e – ausführlich erläuterten
Stemma-Hypothese sei bereits ohne weitere Belege, allein aufgrund
der 8 in MBA III.2, S. 273, angeführten "Leitfehler" eine
so hohe Wahrscheinlichkeit beizumessen, daß sie als "zweifelsfrei
bewiesen" gelten dürfe. Seine Argumentation leidet indessen
an zwei grundsätzlichen Mängeln:
1) Bevor Mayer das angekündigte Dutzend weiterer "Indizien"
bringt, möge er doch bitte erläutern, wie er die Begriffe "Leitfehler"
bzw. "Bindefehler" umdefiniert hat; denn gemeinhin versteht
man unter einem Bindefehler eine signifikante Übereinstimmung zweier
Textzeugen in einem Textfehler oder auch in einer Besonderheit,
die gegenüber mindestens einem weiteren Zeugen als Variante in Erscheinung
tritt. Gegeben ist aber folgende Situation:
a) Die geringe "Anzahl stehengebliebener gröberer Irrtümer"
in H (vgl. a.a.O. S. 272) führt zu keinem Anhaltspunkt für die stemmatische
Betrachtung, denn die genannten Textfehler (und insbesondere die
widersprüchliche Aktzählung!) sind in den nächstgreifbaren Zeugen,
in der Drucküberlieferung, sämtlich 'beseitigt'.
b) An den von Lehmann und/oder Mayer angeführten Stellen ist der
Text in H korrekt, Fehler sind erst in der Drucküberlieferung gegeben.
An die Stelle der Abwägung, ob H selbst oder eine Abschrift von
derselben Hand diese Fehler veranlassen konnten, kann folglich nicht
eine Berechnung nach dem Wahrscheinlichkeitskalkül 'unabhängiger
Leitfehler' treten.
2) Die genealogische 'Abhängigkeit' des Erstdrucks von der überlieferten
Handschrift H wurde bisher von niemandem bestritten. Beide konkurrierenden
Hypothesen setzen vielmehr diese Abhängigkeit voraus:
a) H – [H2] – j/e (Hypothese bis einschl. Bergemann)
b) H – [h] – j/e (Hypothese MBA; im Grundsatz seit Lehmann)
Wie in einem solchen Fall die Methode der Leitfehleranalyse valide
Ergebnisse zeitigen kann, ist zumindest nicht unmittelbar einleuchtend.
Vorläufig erübrigt es sich also, auf die von Mayer – ohne statistische
Angaben, also ohne nähere Begründung der Basiszahlen – eingeführte
Wahrscheinlichkeitsbehauptung ("1:25 hoch acht, d.h. [...]
ca. 1:250 Milliarden"!) einzugehen. (Auf welcher Grundlage
kann man z.B. im Fall "Laflotte" vs. "La Flatte"
für die Wiederholung der – möglicherweise – fehlerverursachenden
Graphie in der hypothetischen Abschrift eine Wahrscheinlichkeit
von 1:25 abschätzen?)
Mit der Argumentation "Ad A." fällt auch die wesentliche
Grundlage für die Beurteilung "Ad B.": Von einer schlüssigen
Herleitung aus einem zweifelsfrei bewiesenen Stemma kann keine Rede
sein. Und wenn wir erst einmal die Varianz der Drucke an Stellen
wie Repl. 468f. diskutiert haben werden, dürften von den MBA-Herausgebern
selbst ganz andere Beurteilungsgrundlagen eingeräumt sein für Hypothesen
über mögliche Eingriffe während der Bearbeitung der Druckvorlage
von j bzw. e.
Eine Bemerkung Mayers sei aber noch aufgegriffen, weil sie einen
Grundzug seiner Entgegnung zeigt: "[...] der einzige Einwand,
den Poschmann gegen meine schon 1987 skizzierte Auffassung vorgebracht
hat, lautet: "vieles [!] spricht eher [!] dagegen" (P
I, S. 444) – worauf Wender S. 349, Anm. 21, allen Ernstes wie auf
ein Argument verweist, wenn er von Poschmanns angeblich "gutem
Grund" spricht". Poschmann hatte bereits am 19.10.1993
auf eine entsprechende Anfrage der Marburger Forschungsstelle geantwortet,
gegen die Annahme von Änderungen in der Handschrift von DT nach
Rückerhalt sprächen seiner Meinung nach "alle äußeren Umstände
zu der Zeit: die Arbeitssituation, die fehlende Aussicht einer Zweitveröffentlichung
zu der Zeit; außerdem textinterne Indizien, wie die Vereinzeltheit
der infrage kommenden Stellen. Bei Überarbeitungsabsicht müßte es
sicher mehr Neuansätze geben. Es wären in dem Falle auch Hinweise
einer Koordinierung von H und den sporadischen Verbesserungsansätzen
in E(B/S) zu erwarten, die fehlen." Eine Antwort hat Poschmann
seinerzeit darauf nicht erhalten; Mayers Ausrufezeichen sind hier
also fehl am Platze.
b. Zu Dedners Anschuldigungen
Dedner verschweigt die Vorgeschichte der Auseinandersetzungen in
der Georg Büchner Gesellschaft, deren Beginn Mayer kurzerhand auf
1987 rückdatiert hat. Ich selber vermag im Vortragen einer begründeten
Deutung zu "Dantons Tod" bzw. zu Büchners Beurteilung
von historischen Vorgängen im Verlauf der Französischen Revolution
keinen Verstoß gegen die guten Sitten einer wissenschaftlichen Gesellschaft
zu sehen; ich interpungiere den Streit also anders:
1. Die üblichen wissenschaftlichen Umgangsformen hat mir gegenüber
als erster Ivan Nagel durchbrochen, als er 1991 im Georg Büchner
Jahrbuch 7 (1988/89) auf meine Kritik an seinen Thesen mit der diffamierenden
Vokabel "altstalinistisch" antwortete. Verantwortlich
für das Erscheinen dieser Formulierung war der Herausgeber des Jahrbuchs:
Thomas Michael Mayer. Ob er auch verantwortlich war für Nagels Wertung
– was einige Kollegen vermuteten –, entzieht sich meiner Kenntnis;
Mayer selbst bestreitet es.
2. Unter Niveau war von Anfang an Mayers Feldzug gegen Hauschilds
Biographie, der 1993 mit den Presseerklärungen zum spektakulären
Butzbacher Brieffund ins bundesdeutsche Feuilleton getragen wurde.
Meine Stellungnahme in dieser Sache ist den Protokollen der nächstfolgenden
Mitgliederversammlungen der Georg Büchner Gesellschaft zu entnehmen;
mit meiner Forderung, die Gesellschaft müsse sich wegen der in einer
Jahresgabe der Gesellschaft erschienenen Unterstellungen bei dem
Mitglied Hauschild entschuldigen, konnte ich mich nicht durchsetzen.
(Immerhin wurde Mayer als Vereinsvorsitzender von Dedner abgelöst,
so daß man hinsichtlich der Umgangsformen Besserung erwarten durfte.)
3. Auf eine grob mißgünstige Kritik eines Ex-Mitarbeiters der Marburger
Forschungsstelle gegen den 2. Band der Büchner-Ausgabe im Klassiker-Verlag
reagierte der Herausgeber Poschmann mit seinem Austritt aus der
Gesellschaft Ende 1999. (Seinen – m.E. berechtigten – Vorwurf, die
Büchner-Gesellschaft fungiere unter Mißachtung ihres Satzungsauftrages
nur noch als Hilfsorgan der Marburger Forschungsstelle, habe ich
im Vorfeld der Mitgliederversammlung, die am 4. November 2000 in
Darmstadt stattfinden sollte, aufgegriffen.)
4. Beim Kongreß der Arbeitsgemeinschaft germanistischer Editionen
im Frühjahr 2000 zitierte Dedner als Beleg für Mängel der Kommentierung
von Dramenstellen, die aus fremdsprachigen Quellen übersetzt sind,
eine Stelle aus Poschmanns Danton-Kommentar, ohne anzumerken, daß
die bemängelte Erläuterung (zu "die ehrlichen Leute")
lange vorher von Mayer in die Forschung eingeführt worden war.
5. Mit dem Erscheinen von Knapps Neuauflage des Metzler-Realienbandes
zu Georg Büchner wurde – aufgrund einer Angabe im Literaturverzeichnis
– bekannt, daß Mayer seine Kampagne gegen Hauschilds Biographie
fortführen würde; für das Büchner-Jahrbuch, das zur Buchmesse im
Herbst 2000 erscheinen sollte, waren nämlich 150 (!) Seiten "Einwendungen
zu Methode, Ergebnissen und Forschungspolitik" angekündigt.
6. Die Jahrbuch-Herausgeber Dedner und Mayer intervenierten dann
beim Verlag, um zu verhindern, daß das konfliktträchtige Jahrbuch
vor dem Termin der Mitgliederversammlung (4. Novmber) erschien;
man wollte offensichtlich den zu erwartenden Eklat um das Jahrbuch
von dem gleichzeitigen Pressetermin zur Vorstellung der Danton-Bände
(4.11.) fernhalten.
7. Mein über den Geschäftsführer der Georg Büchner Gesellschaft
an die Mitglieder gerichteter Brief vom 25. Oktober wurde nicht
weitergeleitet, obwohl ich Kostenerstattung angeboten hatte; auf
der Mitgliederversammlung wurden nur die darin enthaltenen Anträge
vorgelegt, nicht aber der Briefkontext, in dem die Anträge begründet
wurden.
8. Über den Ablauf der Mitgliederversammlung vom 4.11.2000 informiert
das Protokoll nur unvollkommen. Meine Einwände habe ich bei der
diesjährigen Mitgliederversammlung am 30.6.2001 vorgetragen; ihre
Veröffentlichung als "Erklärung zum Protokoll" wurde beschlossen,
steht aber ebenso aus wie das Protokoll 2001.
9. Seit das Georg Büchner Jahrbuch 9 (1995-1999) erschienen ist,
kann jeder nachlesen, auf welchem Niveau sich das abspielt, was
Dedner selbst in seiner Presseverlautbarung gegenüber dpa als "einer
wissenschaftlichen Gesellschaft [...] nicht würdig" findet:
daß "die an sich wünschenswerte wissenschaftliche Auseinandersetzung
über Büchner [...] auf eine persönliche Ebene gezogen" wurde
(dpa 2.7.2001 15:59). (Soweit in dieser Auseinandersetzung die "persönliche
Ebene" berührt wurde, verantworten das Nagel (1991) und Mayer
(1993) – und jetzt eben auch Dedner, den ich nicht auf dieser Ebene
angegriffen habe, auf der er selbst sich mit seinem Rundschreiben
bewegt.)
10. Nach Begutachtung der Anfang November 2000 erschienenen Danton-Bände
der Marburger Ausgabe habe ich einem SPIEGEL-Redakteur auf Anfrage
mit Einwänden insbesondere zu zwei Passagen des Editionsberichts
geantwortet (MBA III.2, S. 178-197: 'Geschichtsklitterung'; S. 296-298:
'textkritisch unzureichend begründet'). Anderen Beurteilungen in
dem SPIEGEL-Artikel vom Dezember 2000 liegen keine Informationen
von meiner Seite zugrunde. Insbesondere weise ich die Behauptung
als wahrheitswidrig zurück, ich hätte "den SPIEGEL-Redakteur
Dr. Johannes Saltzwedel mit [...] z.T. falschen Informationen"
'versorgt' (Dedner); soweit ich der Presse gegenüber "Informationen"
über die sogenannten "Marburger Institutionen" weitergegeben
habe, waren diese weder ganz noch teilweise falsch. Man vergleiche
im übrigen die in der FAZ am 12. Dezember, also noch vor dem beanstandeten
SPIEGEL-Artikel, erschienene Besprechung von Thomas Wirtz, in der
die Marburger Ausgabe auch nicht besonders gut wegkam. Warum nimmt
Dedner jetzt nur zum SPIEGEL-Artikel Stellung, nicht aber zur FAZ-Rezension,
in der vergleichbare Kritik an der editorischen Großtat geäußert
wurde? Offensichtlich, weil sonst die Rationalisierung: 'durch Wenders
mißgünstige Pressekampagne beeinflußt' in sich zusammenbräche.
11. Bis Mitte März hatte ich meine Einwände gegen die textkritische
Argumentation in MBA III.2 ausformuliert; den Text reichte ich beim
Forum Vormärz Forschung zur Veröffentlichung ein, weil dort das
Jahrbuch 2000 noch ausstand.
12. Ebenfalls im März kam das Protokoll zur vergangenen Mitgliederversammlung
gemeinsam mit der Einladung zur nächsten Mitgliederversammlung am
30. Juni 2001. Meine diesbezüglichen Briefe – mit der Forderung
nach Rücktritt des Vereinsvorstands und Neubesetzung der Jahrbuch-Redaktion
sowie der Kundgabe meines Austritts zum 31.12. d.J. im Falle des
Scheiterns dieser Anträge – blieben (mit Ausnahme eines satzungsrechtlichen
Postskriptums) ebenso unbeantwortet wie die Frage, was mit meinem
seinerzeit an die Mitglieder nicht weitergeleiteten Brief vom 25.
Oktober 2000 geschehen werde.
13. Die Mitgliederversammlung wurde vom Vorsitzenden mit der Bemerkung
eröffnet, daß er meinen Austritt ausdrücklich nicht bedauere. (Vgl.
auch dieselbe Aussage gegenüber der Saarbrücker Zeitung; SbrZtg
v. 12.7.) Gegen seine Stimme wurde eine auf 20 Minuten begrenzte
Aussprache über meine Beschwerden beschlossen. Am Ende dieser Aussprache,
in der außer dem SPIEGEL-Artikel auch die – zu Beginn der Sitzung
im Separatdruck verteilte – FVF-Rezension zur Sprache kam, fiel
die jetzt von Dedner und Mayer wiederholt und in signifikanter Verkürzung
aufgegriffene Bekundung meiner Entschlossenheit, eine Ausgabe zu
bekämpfen, in der mit anderen Meinungen so umgegangen wird wie im
Editionsbericht des Marburger "Danton".
14. Nachdem ich am Sonntag, dem 1. Juli, Hauschild über den Verlauf
der Mitgliederversammlung unterrichtet hatte, erklärte der gegenüber
der Georg Büchner Gesellschaft seinen Austritt und gab das am Montag,
dem 2. Juli, unter Verweis auf Poschmanns früheren Austritt (1999)
und meinen Austritt (zum 31.12. d.J.) über dpa Düsseldorf bekannt.
15. In der Mittagszeit dieses Montags erhielt ich einen Anruf von
dpa Frankfurt, wo man in Sachen Büchner-Gesellschaft weiterrecherchierte.
Wie man der am gleichen Tag verbreiteten Meldung entnehmen kann,
wurde dann auch noch in Marburg nachgefragt: In allen Veröffentlichungen,
die mir bekannt wurden, insbesondere auch in der FR vom 3.7., stand
Meinung gegen Meinung.
16. Die Marburger Presseerklärung enthielt zumindest eine Behauptung,
der strikt zu widersprechen ist: "Konkurrenz um Forschungsgelder"
spielte in der gesamten Auseinandersetzung ersichtlich keine Rolle.
Und trivialpsychologische Erklärungsversuche wie "verletzte
wissenschaftliche Eitelkeiten" waren nicht gerade geeignet,
zu einem entspannteren Gesprächsklima zurückzuführen. Es erscheint
doch etwas billig, wenn die Herren für sich selbst hehre 'forschungspolitische'
Ziele in Anspruch nehmen, bei anderen aber immer nur niederste persönliche
Motive vermuten. Zudem war es falsch zu behaupten: "Wender
[habe] seinerseits angekündigt, alles unternehmen zu wollen, um
die Edition der Forschungsstelle zu verhindern" (dpa 2.7.).
17. Erst zwei Tage später (5.7.) erschien in der FAZ eine entsprechende
Meldung, die als Eigenbeitrag der Redaktion ausgewiesen war; die
Erwähnung meines Vorhalts war jedoch offenkundig aus den mittlerweile
erschienenen Meldungen übernommen, denn ich hatte außer mit dpa
keinen weiteren Pressekontakt. Andererseits hatte die FAZ aber vermutlich
Kontakt mit der Marburger Forschungsstelle, denn anders ist nicht
zu erklären, daß jetzt auch noch ein speziell an die Adresse Poschmanns
gerichteter Vorwurf erschien. Mit Poschmann wiederum hatte die FAZ
nicht gesprochen, so daß der Marburger Vorwurf unwidersprochen im
Raum stand.
18. Aus München erreichte mich einige Tage später die Anfrage des
Journalisten Heribert Kuhn, der im Auftrag der Frankfurter Rundschau
zur Büchner-Ausgabe recherchierte und von meiner Rezension durch
eine Ankündigung auf der Homepage von Henri Poschmann erfahren hatte.
Ich kann nichts Verwerfliches darin sehen, daß ich diesen Text,
der ja mittlerweile schon den Mitgliedern der Gesellschaft sowie
den Herausgebern der MBA bekannt war, auch diesem Journalisten zugänglich
machte.
19. Am 16. Juli war das Jahrbuch 2000 des FVF bei mir im Posteingang.
Am 17. Juli erschien Kuhns Artikel, und am selben Tag erreichte
mich ein Anruf von Thomas Michael Mayer aus Marburg, der um Zusendung
einer Datei zu meiner Rezension bat (mit Verweis auf die Seitenzahlen
im Jahrbuch); er habe bereits eine vorläufige Version seiner Erwiderung
fertig und bitte um Veröffentlichung auf der Homepage des FVF.
20. Am Abend desselben Tages schickte ich die gewünschte Datei
nach Marburg mit einem Begleitbrief "An die Mitarbeiter der
Forschungsstelle" (Email vom 17.7.), in dem es u.a. hieß: Wenn
Sie das Gefühl haben sollten, auf unfaire Weise angegriffen zu werden,
sollten Sie sich um ein von neutralen Vermittlungspersonen moderiertes
Forum für die Diskussion der Historisch-Kritischen Büchner-Ausgabe
bemühen. Ich persönlich trenne zwischen Forschungsstelle und Büchner-Gesellschaft
und würde mir auch andere Formen des Umgangs wünschen, stieß aber
bekanntlich auf taube Ohren. Wie die Sprichwörter sagen: Wer nicht
hören will... oder auch: Wie man in den Wald...
[...]
Noch 2 Klarstellungen:
Wer in einem Verein für Änderungen eintritt und, wenn er diese
bei der gegebenen personellen Besetzung nicht für durchsetzbar hält,
den Rücktritt des Vorstands fordert, will mitnichten "die Gesellschaft
vernichten" (Dedner in der Saarbrücker Zeitung) – oder kann
diese Gesellschaft ohne diesen Vorstand nicht überleben? Und auch
als ich seinerzeit aus vergleichbaren Gründen aus der GEW ausgetreten
bin, wollte ich nicht die GEW vernichten – ist doch einleuchtend,
oder?
Ich habe in Gießen nicht nur wörtlich gesagt, daß ich "diese
Ausgabe bis aufs Äußerste bekämpfen" werde, sondern habe dafür
auch eine Begründung angegeben: nachdem ich zur Kenntnis genommen
habe, wie in dem DT-Kommentar mit anderen Meinungen umgegangen wird.
(Man vgl. die Gegenüberstellung von 'neuerer Historiographie' und
'jüngerer Büchnerforschung'; eine Diskussion hatte ich ja auch für
Gießen zum Stichwort "Geschichtsklitterung" angeboten.)
Es ist also durchaus falsch, wenn der FAZ gesagt wurde, ich wolle
die Ausgabe "verhindern" – im Gegenteil: mit Poschmann
freue ich mich auf jeden Band, weil jeder Band beweisen wird, daß
man kooperativ bessere Ergebnisse erzielt hätte...
21. Am 18. Juli verschickte die Marburger Forschungsstelle Rezension
und Erwiderung per Email-Liste an "Kolleginnen&Kollegen";
in der darauffolgenden Woche wurden die beiden Texte auf der Homepage
des FVF eingestellt.
Soweit der Ablauf vor dem Marburger Rundbrief, der mit der mutwilligen
Wiederholung von Nagels alter Diffamierung alles andere als ein
Beitrag zur Deeskalation war. Irre ich mich, wenn ich behaupte,
daß Mayer und Dedner aus taktischen Gründen die verschiedenen Ebenen
der Auseinandersetzung bewußt durcheinander bringen? Nachdem ich
versucht hatte, Mayer die Unzulässigkeit solcher Vermengung telefonisch
auseinanderzusetzen, erneuerte er in einem Brief vom 26.7.2001 den
Vorwurf der politischen Motiviertheit meiner Kritik an der MBA.
Daraufhin versuchte ich es noch einmal schriftlich (Email an Mayer
am 27.7.). Wie man heute (20.8.) auf der Marburger Homepage immer
noch sieht, blieb auch dieses Schreiben folgenlos. Die folgenden
stichwortartigen Richtigstellungen sind deshalb vorläufig mein letztes
Wort in dieser Angelegenheit:
1. Ich finde es nach wie vor empörend, wie im Editionsbericht der
Marburger Danton-Ausgabe mit anderen Forschungsmeinungen umgegangen
wird, und ich meine damit nicht nur die Linie Jancke/Wender/Hauschild,
über die es abschließend heißt:
"Frühsozialistische Strömungen und deren Kritik am Neojakobinismus
erscheinen aus dieser die neojakobinischen Positionen auf Büchner
übertragenden Sicht als antirevolutionär." (MBA
III.2, S. 181)
Ich meine damit zugleich auch das Verschweigen jener Kritik an
Mayers Bild vom libertär-sensualistischen Frühkommunisten Büchner,
die 1981 von Ruckhäberle, und der Einwände gegen Mayers Danton-Deutung,
die – in Fortführung eines frühen Aufsatzes von 1973/74 – ausführlich
1995 von Terence M. Holmes vorgetragen wurde.
2. Da Mayer nicht leugnen kann, daß in Buonarrotis Revolutionsgeschichte
von 1828 – die er selbst 1979 als "Lehrbuch" des Frühkommunismus
für die französischen Republikaner der 1830er Jahre herausgestellt
hatte – Robespierre und Saint-Just als Vorläufer Babeufs und auf
der anderen Seite Dantonisten wie Girondisten, aber auch Zentralfiguren
des Hébertismus als Verräter gelten, unterscheidet er jetzt zweierlei
Buonarrotisten: die guten Klugen, die man mit Büchner vergleichen
darf und denen das Prädikat ‚neobabouvistisch' vorbehalten bleibt,
und die weniger Guten, die angeblich 'neojakobinisch', d.h.: borniert
denken. Wie das im Editionsbericht der Marburger dargestellt wird,
nenne ich "Geschichtsklitterung". Und ich protestiere
gegen die Unterstellung, die "jüngere Büchnerforschung"
hätte die "neuere historische Forschung" nicht rezipiert
(MBA III.2, S. 180); umgekehrt bleibt zu fragen, ob von den Marburgern
überhaupt noch der Babeuf-Kongreß von 1989 – mit einschlägigen Debatten
auch zum Babeuf-Erbe im 19. Jahrhundert – zur Kenntnis genommen
wurde. (Vgl. jetzt auch die Texte aus den "Cahiers d'Histoire"
unter: http://www.internatif.org/EspMarx/CahiersdHistoire/Cahiers-77/)
3. Für die Deutung der revolutionsgeschichtlichen Vorgänge, die
Büchner dramatisiert, ist es ersichtlich irrelevant, ob das Stück
3 oder 4 Akte hat. Das aber steckt im Kern hinter meiner Nachfrage,
ob die Textdarbietung der Marburger Ausgabe wirklich so alternativlos
ist, wie es im Editionsbericht dargestellt wird. Wer behauptet,
ich würde eine solche Debatte nur deshalb führen, weil mir 'die
ganze Richtung nicht paßt', weiß sich anscheinend anders nicht mehr
zu helfen. Da muß ich dann passen.
4. Gerade wer beruflich ständig mit historisch-kritischen Ausgaben
arbeitet, wird doch öffentlich seine Meinung über die Entwicklung
in diesem Feld äußern dürfen. Ich beschränke mich hier auf drei
Beispiele im Umgang mit der MBA :
a) Wenn ich in einem Telefonat mit Mayer auf eine bestimmte Überlieferungsgegebenheit
hinweise und mit Seite und Zeile auf den von ihm eingerichteten
Apparat in Bd. III.2 verweise und wenn er dann auf der anderen Seite
der Leitung erst mal seine Klebe-Synopse zu Rate zieht, belegt das
doch eindrucksvoll, daß es effektivere Arbeitsmittel als den Fußnoten-Apparat
gibt.
b) Wer die weiter oben von mir ad I. angeführte Behauptung, daß
die im Editionsbericht MBA III.2, S. 272, aufgelisteten "Irrtümer"
von H als solche in j und/oder e nicht mehr erscheinen, am Apparat
des Emendierten Textes überprüft, kann anschaulich nachvollziehen,
warum ich das Fehlen einer Konkordanz zwischen den unterschiedlichen
Systemen der Textreferenzierung in MBA III.1 einerseits und MBA
III.2 andererseits kritisiert habe.
c) Man kann Stunden damit verbringen, sich Begründungen auszudenken,
warum bestimmte Wortteile im Quellennachweis jeweils fett oder mager
gedruckt sind. (Vgl. etwa die Stückelung im Eingangssatz von Repl.
219.) Die ins Äußerste getriebene Pedanterie veranlaßt zu pedantischen
Rückfragen: Warum ist in dieser Replik 219 die Sprecherbezeichnung
fett gedruckt? Warum werden alle Vorkommen von "Dame"
und "Herr" nicht nur in der Figurenrede, sondern auch
beim Vorkommen in Sprecherbezeichnungen als quellenabhängig markiert,
bei "Bürger" aber nur die Vorkommen in der Figurenrede
(mit jeweils gleichen Verweisstellen im Quellenband)? Ist die Behauptung
zutreffend, das Wort "Mädchen" (Repl. 53) sei sinngemäß
quellenabhängig von "fille publique", wenn die Mutter
ihre Tochter als Hure ein "braves Mädchen" nennt? Alles
Fragen verstummt aber, wenn man im Nachweis einer sonst sinngemäßen
Entsprechung zwischen fremdsprachiger Quelle und deutschem Dramentext
ein fettgedrucktes Artikelwort findet (Repl. 486, III.2, S. 136,
Z. 18; vgl. III.3, S. 72: "la déposition").
Und da sollte man nicht die Frage nach dem Verhältnis von Aufwand
und Ertrag stellen? Ich weiß wohl, daß manche diese Ausgabe für
einen "Glücksfall deutscher Philologie" (Focus) halten;
und wenn Dedner Fachleute kennt, denen die "komplexe Edition
[...] als Pionierleistung" gilt: um so besser. Es wird nicht
schaden, wenn die schon etwas ältere Debatte (vgl. Jahrbuch der
Dt. Schiller-Gesellschaft, 1989-1991) am neuen Material fortgeführt
wird. Angesichts begrenzter Mittel hielte ich es für fatal, wenn
Editionsverfahren wie die hier besprochenen als Maßstab sich durchsetzen
könnten.
5. Und sie dreht sich doch. Wieviele Menschen über wieviele Jahre
eine falsche Hypothese für die Wahrheit halten, sollte in der wissenschaftlichen
Diskussion keine Rolle spielen. Aber es stimmt ja noch nicht einmal,
daß ich eine "auch in der kontroversen Revolutionsgeschichte
seit 165 Jahren nahezu beispiellose Deutung des Dramas" vorgeschlagen
hätte; darauf wird bei Gelegenheit zurückzukommen sein.
6. Die (ab)wertenden Vokabeln "Gottlosigkeit" und "Liederlichkeit"
bzw. deren Anwendung auf "die Banditen der Revolution"
sind nicht von Hauschild oder von mir in die Debatte eingeführt
worden, sondern von Büchner selbst, der darin mit der buonarrotistischen
Revolutionsgeschichtsschreibung übereinstimmt.
7. Im Jahr 2001 erscheint es als einigermaßen anachronistisch,
gegen eine Kritik auf dem Felde der Philologie die alten antijakobinischen
und/oder antikommunistischen Ressentiments zu mobilisieren. Aber
daß man im Namen Büchners den Ruf nach einer politischen Korrektheit
erhebt, die gerade diesem Revolutionär und seinen Texten gegenüber
völlig unangemessen ist, erträgt sich weniger leicht. Aufregung
aber ist bekanntermaßen unwissenschaftlich, steht also auf einem
anderen Blatt...
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