editio. Internationales Jahrbuch für Editionswissenschaft, Band
17, [Dezember] 2003
Auf den Prüfstand: Die Marburger Edition
von Dantons Tod und die Kritik.
Wer nur wenig von den notorischen Nöten der Büchner-Edition wahrgenommen
hat, könnte einer Besprechung in editio entnehmen, mit der ersten
Lieferung der MBA im Herbst 2000[1] sei in einem bahnbrechenden Eröffnungsschritt die definitive
Sicherung der problematischen Überlieferung in einer Weise in
die Wege geleitet, die alle berechtigten Ansprüche der Forschung
vorbildlich für andere editorische Großprojekte erfüllt. Wer sich
allerdings jemals im Dickicht der divergierenden Textangebote
um Orientierung bemühte und auf die heftig umstrittenen Verhältnisse
der Textgeschichte eingelassen hat, der mag sich bei der Lektüre
der Besprechung von Rüdiger Nutt-Kofoth und Bodo Plachta in editio
15[2] erstaunt die Augen gerieben haben. Ein Wunder
müßte geschehen sein.
Büchners Werke haben unter dem Einfluß eines äußerst reaktiven
Rezeptionsverhaltens einen beispiellosen Gestaltwandel durchgemacht.
Von der im Fremdtext der Landboten-Bearbeiter aufgelösten
Originalfassung der Flugschrift und dem zensurverstümmelten Erstdruck
von Dantons Tod[3]
an bis zu den umstrittenen Nachlaßeditionen von Leonce und
Lena und Lenz sowie dem kardinalen Streitfall Woyzeck
- ganz zu schweigen von den Überbleibseln des zerschredderten
Briefwerks, den chronisch vernachlässigten naturwissenschaftlichen
und verkannten philosophischen Schriften - haben Tilgungen und
anverwandelnde Überschreibungen auf die Texte eingewirkt. Wenngleich
Dantons Tod dank der erhalten gebliebenen abgeschlossenen
Handschrift geradezu einen Glücksfall in der unheilvollen Nachlaßgeschichte
darstellt, heißt das nicht, daß der Editor von Büchners erstem
Drama, seiner einzigen zu Lebzeiten veröffentlichten Dichtung,
sich eindeutig klarer Voraussetzungen sicher sein kann und bei
seinen Entscheidungen andere Beurteilungen der Sachlage ignorieren
darf. Gerade in dieser Hinsicht aber läßt die Marburger Danton-Edition
Vernachlässigungen erkennen, die in einer Besprechung mit fachlichem
Anspruch nicht übersehen werden sollten, bevor darin eine kategorische
Bewertung abgegeben wird.
Die hermetische Struktur der Ausgabe erschwert allerdings eine
angemessene Beurteilung. Aus dem ersten Erschrecken über das exorbitante
Volumen der Ausgabe des Dramas in vier Großformatbänden mit über
1 600 Seiten heraus war der Vorwurf laut geworden, die Herausgeber
hätten des Guten zuviel getan. Grund zu schwerwiegenderer Kritik
gibt die Edition bei genauerem Hinsehen durch das, was die Herausgeber
zu wenig getan haben, und zwar primär im Kernbereich der textkritischen
Fundierung. Auf ein bedenkliches Defizit in dieser Hinsicht deutet
bereits das Ausblenden der Voraussetzungen hin, die von der schwierigen
Editionsgeschichte her vorlagen. Bis in noch in Umlauf befindliche
Ausgaben sind Überfremdungen des Textes durch Herausgebereingriffe
transportiert worden, die teils auf die Drucke von 1835 zurückgehen,
teils auf die Editionen von Ludwig Büchner (1850) und von Karl
Emil Franzos (1879), oder aber erst von Fritz Bergemann (1922ff.)
und von Werner R. Lehmann (1967/71) herrühren. Lehmanns Eingriffe
waren am wenigsten leicht zu enttarnen, weil er sie als historische
Befunde maskiert eingeführt hatte. Andererseits mußten spätere
Editionen in einzelnen Fällen mitunter auf ältere Entscheidungen
zurückgreifen, die zu unrecht als obsolet galten. Angesichts der
kontroversen Interpretationsansprüche an das Werk, die sich zunehmend
konkret am stellenweise unsicheren Text festmachen,[4] vermißt man um so mehr eine schlüssige Analyse
der Ausgangssituation von den Herausgebern.
Der Geschichte der Büchner-Rezeption ist die traumatische Erfahrung
eingeschrieben, daß wiederholt editorischen Grundlegungen, auf
die man sich allzu fest verließ, ein ernüchterndes Aus beschieden
war. Erst Fritz Bergemanns kritische Ausgabe von1922[5] ließ erkennen, wie fragwürdig die von Karl Emil
Franzos 1879 bereitgestellte philologische Basis war, auf der
Büchners Aufstieg zum Klassiker der Moderne im 20. Jahrhundert
beruhte. Als sich später auch die Haltlosigkeit der Textkonstitutionen
Bergemanns herausstellte, wich der grundlose Optimismus zunehmender
Skepsis bei den Philologen und wachsender Verunsicherung der Rezipienten.
Eine Vielzahl konkurrierender Einzelausgaben mit alternativen
Lösungsangeboten begann das Bild zu beherrschen.
Verläßlichkeit und Durchschaubarkeit mußten nach dem Schiffbruch
von Werner R. Lehmanns Projekt einer historisch-kritischen
Büchner-Ausgabe[6]
mehr denn je einem Unternehmen abverlangt werden, das sich von
neuem an eine Grundlegung wagte. Für den dringendsten Studienbedarf
zimmerten Karl Pörnbacher, Gerhard Schaub, Hans-Joachim Simm und
Edda Ziegler aus den wiederaufbereiteten Wrackteilen der Ausgabe
Lehmanns und arbeitsteilig erbrachten eigenen Forschungsergebnissen
die kommentierte Münchner Ausgabe (1988) zusammen. Es dauerte
fast zwei Jahrzehnte nach dem Abbruch von Lehmanns Projekt, bis
ein Verlag es wieder riskierte, dem Bedürfnis nach einer größeren
kritischen Edition nachzukommen. Welches Klima in der einschlägigen
Forschung herrschte, als 1992/99 die Büchner-Ausgabe des Deutschen
Klassiker Verlags erschien, ist an anderer Stelle dokumentiert.[7] Thomas Wirtz schrieb: Die Büchner-Forschung ist ein Schlachtfeld.[8]
Das Gebot der Transparenz müßte einleuchten beim Blick zurück.
Die Marburger Danton-Herausgeber indessen setzten sich
fahrlässig über die Erfahrungen der Vorgeschichte ihres Projekts
hinweg. Sie hielten es nicht für notwendig, die Benutzer ihrer
Ausgabe über das Zustandekommen ihrer Ergebnisse aufzuklären.
Vergeblich sucht man vorn, hinten und in der Mitte der vier Bände
eine zusammenhängende Darlegung ihrer editorischen Vorgehensweise.
In Band 3,2, unter der Überschrift Editionsbericht,
wo sie hingehört hätte, wird, weit ausschweifend in die Lebens-
und Familiengeschichte des Autors und Details zur Verortung seiner
politisch-ideologischen Position im Horizont der seinerzeitigen
Auseinandersetzungen, die Entstehungsgeschichte des
Werks behandelt. Wo es angezeigt war, Rechenschaft über die Grundlagen
ihrer editorischen Entscheidungen abzulegen, wird eine umstrittene
Linie der Interpretation des Dramas vorgegeben. Daran schließt
sich in Band 3,2, der auch den emendierten, d. h.,
den als maßgeblich edierten, Text enthält, ein Kapitel Überlieferung
an, das sich mit der Handschrift und den Drucken bis 1850 beschäftigt,
und dazu ein Kapitel zur Rezeption bis 1851. Die Autoren
der editio-Besprechung, die mehrfach die Benutzerfreundlichkeit
der Ausgabe hervorheben, räumen zwar das Manko an Zugänglichkeit
des Editionsverfahrens ein (S. 164), verbuchen das Fehlen
eines Editionsberichts, den die Überschrift verspricht, aber nur
milde unter: Gelegentliche Unklarheiten der Begrifflichkeit
(S. 165).
Natürlich unterstellen Burghard Dedner und Thomas Michael Mayer
nicht, daß mit der Ausgabe Ludwig Büchners der Nachgelassenen
Schriften seines Bruders (N 1850) die editorischen und textkritischen
Bemühungen um das Werk enden würden. Punktuell beziehen sie sich
mehr oder weniger kritisch explizite auf einzelne Momente der
ansonsten ausgeblendeten Forschung. Nur geschieht auch das auf
ebensowenig transparente Weise, wie unter ihren Händen abermals
ein Text entsteht, in dem Herausgeberehrgeiz über den Autorwillen
triumphiert.
Dieser fatale Tatbestand ist die eigentliche Überraschung der
in editio so hoch gelobten Edition. Der Eindruck des Gediegenen,
den die (scheinbar) kein Zeichen und keine mögliche Differenzierung
auslassende Akribie in der Bedienung einer hochaufgerüsteten Editionstechnik
erweckt, erweist sich gerade im philologischen Kern als trügerisch.
Eklatant zeigt sich das an der Stelle, wo der emendierte Text
die einzige augenfällige Neuerung installiert. Die beiden Szenen
Julie, ein Knabe und Dumas, ein Bürger
am Anfang des IV. Akts[9]
erscheinen jetzt in ihrer Stellung vertauscht. So, - also anders
als in den Ausgaben bisher (mit Ausnahme der ersten Drucke) zu
lesen -, hatte Büchner sie auch ursprünglich niedergeschrieben.
Er hat aber dann in der Handschrift (H) am Rand angewiesen, die
Straßenszene mit Dumas und dem Bürger vor an den Anfang des neuen
Akts zu ziehen und ihr die Julie-Szene nachzuordnen, die in den
Drucken von 1835 und weiter in den Ausgaben bis 1992 ohne Legitimation
unter der Überschrift Ein Zimmer stand.
Zur Rechtfertigung seiner Entscheidung, beruft Mayer sich auf
einen unaufgeklärten Problemkomplex im Abhängigkeitsverhältnis
der ersten Drucke (j und e) von H, dem einzigen überlieferten
Textzeugen. Die Unvereinbarkeit des Zustands von H mit der Masse
der Streichungen, Zusätze und Umformulierungen (durch den Redakteur
Eduard Duller und Karl Gutzkow) in j und e zwingt dazu, eine Zwischenstufe
des Textes zu postulieren, die für die Drucke unmittelbar als
Satzvorlage gedient haben muß. Während Bergemann aus seinen vergleichenden
Beobachtungen die Hypothese ableitete, der Zwischenschritt, sei
über eine H weiterentwickelnde letztgültige Reinschrift Büchners
(R) für den Verlag erfolgt, die es zu rekonstruieren gelte, hat
sich später die von Lehmann wahrscheinlich gemachte Annahme durchgesetzt,
die von einer im Auftrag des Frankfurter Verlegers Sauerländer
hergestellten unmittelbaren Druckvorlage (h) ausgeht, auf die
der Autor keinen Einfluß mehr hatte. Ebenso wie die Theorie Bergemanns,
der daraus die Lizenz zu Restitutionen von hypothetischen Textentwicklungen
abgeleitet hatte, die er in R vermutete, kann auch die Gegenannahme
Lehmanns sich nur auf Indizien stützen. Rätsel geben besonders
Differenzen der ersten Drucke gegenüber H auf, die offensichtlich
nicht zensurbedingt sind. Aus ihnen kann auf mindestens einen
unbekannten Textzeugen geschlossen werden.
In der Marburger Ausgabe wird die Problematik wie von Lehmann
mit dem Ergebnis der Bewertung von H als mittelbare Druckvorlage
für j und e (3,2, S. 273) behandelt, allerdings so wenig
profund, daß Herbert Wender in seiner Rezension nach eingehender
Kritik der unvollständigen Indizienanalyse zu dem Schluß kommt,
daß mit der Marburger Ausgabe die textkritische Diskussion
zu Danton's Tod nicht nur nicht abgeschlossen, sondern
noch nicht einmal richtig begonnen wurde. [10]
Lehmanns textkritische Grundannahme[11],
der auch die Ausgabe des Klassiker Verlags folgt, wird von den
Marburgern auf weiterhin unvollständiger Untersuchungsbasis
und ungeachtet der fundamentalen Kritik Mayers an Lehmann in der
Projektbegründung 1984 jetzt als erwiesene Ausgangs-Tatsache
vorausgesetzt (3,2, S. 273).
Zwei der auffälligen Abweichungen in den ersten Drucken von H
dachte Mayer schon 1987 eine Sonderrolle zu, die nun zur Legitimation
der Neuerung dienen soll. Es handelt sich um die Anweisung zur
Umstellung der beiden genannten Szenen in H, die in den Drucken
ohne erkennbaren Grund nicht ausgeführt wurde. Das Gleiche trifft
für eine zweite Korrektur Büchners auf derselben Seite zu. Dort,
am Anfang der Straßenszene mit Dumas, ist das zuerst niedergeschriebene
Wort Unschuldige eigenhändig so dicht deckend mit
Unglückliche überschrieben, daß man das Wort darunter
nur noch aus dem Kontext heraus erraten könnte. Dennoch müssen
Bearbeiter, bzw. Setzer, wie die Drucke zeigen, das in H so gut
wie unkenntliche Unschuldige in ihrer Vorlage gelesen
haben.
Die Lösung des Rätsels soll darin bestehen, daß Büchner die Änderungen
erst nach dem vermutlich zu irgendeinem Zeitpunkt zwischen
Juli 1835 und Sommer 1836 erfolgten Rückerhalt von H aus
dem Verlag vorgenommen habe (3,2, S. 296f.). Daraus wird abgeleitet,
die fraglichen Änderungen müßten als eine nicht mehr zur
Druckvorlage H zu rechnende Schicht gewertet werden. Und H ist
Grundlage des Edierten Textes nicht als Archivalie mit späteren
Eintragungen, sondern als Druckvorlage für j und e, d.h. als ein
zeitlich fixierter Zustand des Textes. (Ebenda, S. 297.)
Mehr nicht. Wir schließen schnell und einfach: (St.
Just, II,7). Der Editor hat aus seinem Text gelernt. Kein Wort
einer Erörterung folgt dem messerscharfen Diktum. Und kein Hinweis
in den hypothetischen Annahmen zur Werkgenese (ebenda,
S. 204-255) oder im Kapitel Überlieferung (S. 255-302)
bereitet auf die Überraschung vor, daß wir es von nun an nicht
mehr mit einer, sondern mit zwei Fassungen H zu tun
haben, die dem Herausgeber zur Auswahl stehen. Wer denkt schon
Böses bei der beiläufigen Erwähnung von zwei Spuren einer
Bearbeitung späteren Datums (S. 256).
Der formallogische Gewaltstreich scheint gelungen. Die editio-Rezensenten
akzeptieren ihn ohne Einwendung in der Sache. Eingedenk der für
die weitere Rezeption des Dramas enorm wichtige[n] Bedeutung
(S. 164), finden sie die Argumentation der Herausgeber [...]
auf Grundlage der editionswissenschaftlichen Fassungsdiskussion
durchaus stichhaltig (ebenda, Anm. 53).
Zur Stützung der Konstruktion mußte zunächst die Hypothese, nach
der das von Büchner an den Verleger geschickte Manuskript H und
kein anderes war, als Tatsache vorausgesetzt werden. Nun bedürfte
es aber noch eines Beweises für die Annahme der Korrektur nach
erfolgtem Druck. Diesen Beweis liefert die Entdeckung, die Federstrichführung,
mit dem die Korrekturen von Büchner nachgetragen wurden, würde
sich unter vergleichbaren anderen Korrekturstellen. auffallend
breit ausnehmen (3,2, S. 297). In der grafischen Reproduktion
der Handschrift, die es dem Benutzer erlauben soll, die Herausgeberentscheidungen
zu überprüfen, ist das nicht zu erkennen. An der Handschrift selbst
aber auch nicht. Ich habe die Stelle noch einmal mit anderen Korrekturen
verglichen und finde keinen Unterschied. Dasselbe stellten auch
andere fest.[12]
Die ganze, in Sofort-, Bald- und Spätkorrekturen aufgliedernde
Unterscheidungssystematik erscheint mir danach noch weit zweifelhafter,
als es schon die unsicheren Bemerkungen dazu vermuten lassen (3,2,
S. 269-273). Damit stellt sich unter den gegebenen Umständen,
bei einem Manuskript, für dessen Niederschrift der Autor nach
eigener Angabe nicht mehr als fünf Wochen benötigte, zwingend
die Frage nach dem Wert der Textwiedergabe in der genetischen
Darstellung. Wenn die unterscheidenden Merkmale der Überarbeitungsschichten
so schwach ausgebildet sind, daß sie nur von den Herausgebern
wahrgenommen werden können, wie kann man dann sicher sein, daß
sich bei neuem Hinsehen nicht die Zuordnungsgrenzen noch einmal,
oder noch öfter, verschieben? Man könnte so auf eine beträchtliche
Anzahl möglicher Fassungen von H kommen, mit allen
Konsequenzen für die weitere Rezeption des Dramas!
Der Beweis entpuppt sich als eine kühn zur Behauptung erhobene
Vermutung. Mit dem Wegfall des Beweises bricht die Konstruktion
zusammen, auf die sich die Neuerung stützt, zugleich aber auch
das Vertrauen in die Verläßlichkeit der Fundamente des bisher
höchsten babylonischen Turmbaus moderner Editionsphilologie auf
denkbar schmalstem Grundriß. Befund-Suggestion hatte
Mayer 1984 in seiner Kritik an Lehmann dem früheren Herausgeber
mit Recht vorgeworfen).[13] Die Bezeichnung ist auch angebracht für das labyrinthische Verfahren,
mit dem die Innovation des Emendierten Textes des
Marburger Danton eingeführt wird. Bevor wir mit der einschneidenden
Operation konfrontiert werden und eine lediglich hypothetische
Begründung erfahren (3,2, S. 296f.) - abseits vom zuständigen
Kapitel über Die Druckvorlage (H) (3,2, S. 259) mit
dem ganz richtig mit Fragezeichen versehenen Unterkapitel Korrekturschichten?
(3,2, S. 269) -, wird uns in Band 3,1 auf der Ausgangsebene der
Textdarstellung Mayers Vermutung bereits als Befund suggeriert,
ebenso wie die Emendation von Unglückliche zu Unschuldige
(3,1, S. 282-285).
Die Behauptung, die fraglichen Änderungen in H seien von Büchner
erst nach dem Druck erfolgt, bleibt unbewiesen, sie hat sogar
alle Wahrscheinlichkeit gegen sich. An Bedenken, die ich 1992
dagegen geäußert habe, hat Herbert Wender in der aktuellen Debatte
erinnert.[14] Darauf erwiderte Mayer: der einzige Einwand,
den Poschmann gegen meine schon 1987 skizzierte Auffassung vorgebracht
hat, lautet: vieles [!] spricht eher [!] dagegen (P
I, S. 444) worauf Wender [...] allen Ernstes wie auf ein
Argument verweist, wenn er von Poschmanns angeblich gutem
Grund spricht.[15] Den von Mayer übergangenen Zusammenhang
kann man an der angegebenen Stelle, (P I, S. 444,
und 446f.) nachlesen. Noch etwas unterschlägt Mayer in seiner
Replik. Auf eine briefliche Anfrage der Marburger Herausgeber
antwortete ich am 19.10.1993, gegen die Annahme von Änderungen
in der Handschrift nach dem Druck sprächen meiner Meinung nach
alle äußeren Umstände zu der Zeit: die Arbeitssituation,
die fehlende Aussicht einer Zweitveröffentlichung zu der Zeit;
außerdem textinterne Indizien, wie die Vereinzeltheit der infrage
kommenden Stellen. Bei Überarbeitungsabsicht müßte es sicher mehr
Neuansätze geben. Es wären in dem Falle auch Hinweise einer Koordinierung
von H und den sporadischen Verbesserungsansätzen in E(B/S) [den
beiden Widmungsexemplaren] zu erwarten, die fehlen."[16]
Die von den Herausgebern nun im Editionsbericht mitgeteilten,
eingestandenermaßen nicht zweifelsfreien Beobachtungen zu den
Korrekturschichten (3,2, S. 269ff.) in H und insbesondere
auch zu den unkoordinierten Notierungen Büchners in den Widmungsexemplaren
können meine von ihnen ignorierte Einschätzung nur bestätigen.[17]
Wie Voreingenommenheit des Herausgebers den Text verdirbt, kann
man auch am Beispiel der Lesung eines Wortlauts sehen. In der Straßenszene
I,2 führt Büchner die verbale Aufputschung einer erregten Menschenmenge
bis zu rauschhafter Gewaltbereitschaft vor. Ein Erster Bürger lenkt
die Aufgebrachtheit des Simon über sein Weib, das die Tochter auf
den Strich gehen läßt, von der Frau ab gegen die Leute, die
das Fleisch unserer Weiber und Töchter kaufen. Seine in sich
stringente sozialrevolutionäre Argumentation, in der er das Elend
der Arbeitenden auf die Bereicherung der Besitzenden zurückführt,
endet in der Volte: ergo sie sind Spitzbuben und man muß sie
todtschlagen. Ein Dritter Bürger greift das Stichwort auf
und variiert es in einer Kaskade von Anklagen, - ohne das Dilemma
zu bemerken, das die von ihm aufgerufenen Erfahrungen mit dem Totschlagen
offenbaren. Sein Ruf zum Schluß: Todtgeschlagen, wer kein
Loch im Rock hat! wird von den Umstehenden aufgegriffen und
zu allgemeinem Geschrei verdichtet. Auf dem Siedepunkt der kollektiven
Wut, wo Einige ein zufälliges Opfer ergreifen, hört man nur noch
Alle schreien: todtgeschlage, todtgeschlage! So ist
es deutlich sogar in der schlechten Reproduktion der Handschrift
noch (3,1, S. 40) zu lesen, im Gegensatz zur Differenzierten
Umschrift und zum Emendierten Text.
Die Marburger Herausgeber überhören den hessischen Zungenschlag
der Pariser Sansculotten historisch-kritisch und edieren hochdeutsch
todtgeschlagen, todtgeschlagen! (3,2, S.164). Paßt
ihnen die anachronistische Reminiszenz an die Krawaller um Büchner
nicht ins Konzept? An der Absichtlichkeit des sprachlichen Abrutschens
an dieser Bruchstelle der revolutionären Logik von 1794 kann kein
Zweifel bestehen, das zeigt der Kontext. Schon in die Rede des
Dritten Bürgers war am Ende ein mundartliches Element eingeflossen:
Fett auslassen und unsere Suppen mit schmelzen. Die
Änderung von mit zu damit in E hat Büchner
in E(S) zurückverbessert. Vollends hessisch erklingt nach dem
durch ein Witzwort abgekühlten Lynchlustausbruch das von Einigen
in der Menge gesungene Lied vom Schinderhannes. Wie wichtig dem
Autor der sorgsam abgestimmte heimische Anklang war, zeigt auch
seine zweifelsfrei erkennbare Änderung des Ansatzes Von
den zu Von de Würm gefresse werden. Auch wenn
die Herausgeber den Henkern zugestehen, zum Schluß (in IV,9) nach
getaner Arbeit an der Guillotine noch auf Darmstädter Handwerkerweise
ihr Feierabendlied Und wann ich hame geh [...] zu
singen: Todtgeschlage wird todtgeschlagen!
In Mayers Danton-Ausgabe von 1980 und 1985 steht noch
richtig: Alle schreien todtgeschlage, todtgeschlage!
Seitdem hat man in Marburg mit Eske Bockelmann[18] Büchners Handschrift - konträr zu den Woyzeck-Ausgaben
von Gerhard Schmid (1981) und Henri Poschmann (zuerst 1984) -
so lesen gelernt, daß die zahlreichen Verschleifungen durch Elisionen,
und den Ausfall ganzer Buchstabenfolgen (in der Tat ein Sonderproblem,
vor dem auch das ausgeklügeltste editorische Zeichensystem versagt)
ohne Rücksicht auf Textsorte und Kontext grundsätzlich zu ordentlichem
Deutsch zu ergänzen sind.[19] Dantons Tod bekommt
nun offenbar aus dem noch nicht abgekühlten Streit um Woyzeck
einen Schlag mit ab.
Was ist die vielgepriesene Überprüfbarkeit der Herausgeberentscheidungen
durch die Faksimileedition wert, wenn die Herausgeber sich so
sicher sein dürfen, daß selbst da, wo es möglich ist, kein Gebrauch
davon gemacht wird?[20]
Wer spezielle Forschungen anstellt, ist ohnehin auf die Autopsie
der Handschrift angewiesen. Müssen die Befürworter des größtmöglichen
Aufwands sich da nicht ernsthaft dem schon zu hörenden Vorwurf
des Selbstzwecks von mancherlei editorischen Präsentationen stellen?
Alles wäre schön und gut, so scheint es, wenn nicht die Öffentlichkeit
sich mit unisono negativem Echo eingemischt hätte.[21] Die Besprechung von Rüdiger
Nutt-Kofoth und Bodo Plachta ist eine fragwürdige Reaktion darauf.
Die Autoren weisen die Kritik pauschal zurück und setzen ihr dezidiertes
Lob dagegen. Prominente Gelehrte hatten für das ehrgeizige Unternehmen
von Burghard Dedner und Thomas Michael Mayer gutgesagt, über das
während der langen Anlaufzeit, die es benötigte, wenig verlautete.[22] Demonstrativ solidarisch mit
den Urhebern des Projekts, reklamieren die editio-Autoren die
Kompetenz der Kritik stellvertretend für die Editionswissenschaft.
Zu dem von ihnen attestierten Erfolg haben, meinen sie, die überführten
Resultate einer intensiven editionsphilologischen Selbstvergewisserung
in den letzten Jahren (S. 151) verholfen, ein Verdienst
also, das die moderne Editionsphilologie sich pro domo zuschreiben
darf.
Das Feuilleton als Meinungsmacher? So fragen
die Rezensenten in der ersten Teilüberschrift der Besprechung
sichtlich indigniert. Man hatte sich nach dem Erscheinen der Frankfurter
Hölderlin-Ausgabe vierzig Jahre lang an das Lob gewöhnt, mit dem
die großen Zeitungen und Journale jedes spektakulär innovative
Editionsunternehmen begrüßten. Da hatten die Feuilletons sich
mit ihrer Akklamation nicht geirrt (S. 151). Das waren gute
Zeiten. Nun da solche Akklamation im Falle der Marburger
Ausgabe ausblieb, deren erste Lieferung vielmehr in denselben
Blättern harsche Kritik erntete, empfinden Nutt-Kofoth und Plachta
dies als höchst irritierend (S. 152). Sie befürchten,
damit brächen schlechte Zeiten an, womöglich wie vor
35 Jahren, als in der damaligen DDR das Aus
für große Editionsprojekte [...] ideologisch eingeläutet wurde
(S. 154). Man findet einen Konsens aufgekündigt, der darauf
beruhte, daß wissenschaftliche Editionen eine unverzichtbare Grundlage
für die Forschung und für die Textanalyse darstellen (ebenda).
Wäre dies wirklich der Fall, müßten für einen großen Arbeitsbereich
forschungsintensiver und deshalb besonders förderungsbedürftiger
Editionen in der Tat die Alarmglocken schrillen. Einige in solcher
Art den Sachverhalt verkürzende Aussagen werfen Nutt-Kofoth und
Plachta mit einigem Recht der Spiegel-Kritik vor. Es erhöht nicht
die Überzeugungskraft ihrer Reaktion, wenn sie ihrerseits mit
Nachhilfe von Meinungsmache dem Feuilleton schlichtweg
die kritische Kompetenz absprechen, - zumal die Kritiker, der
von ihnen gerügte Jean-Paul-Herausgeber Thomas Wirtz, wie auch
Heribert Kuhn und Michael Ott, nicht etwa fachlich unbedarfte
Journalisten sind, sondern Sachkundige mit eigener editionsphilologischer
Erfahrung, die wissen wovon sie reden.
Ohne ihre Bewertung erst einmal zu begründen, beklagen die Verteidiger
des Projekts sich über den scharfe[n] Wind, der der MBA
aus einflußreichen Magazinen und Zeitungen entgegenweht
(S.155). Gänzlich zu unrecht träfe die Kritik eine in vieler
Hinsicht Maßstäbe setzende Edition (S. 152). Zweifler in
den eigenen Reihen werden geradezu in Zentralkomiteemanier zur
Ordnung gerufen: Die Editionsphilologie wird die für Dantons
Tod vorgelegten editorischen Lösungen als einen Maßstab für
die Möglichkeiten und Leistungsfähigkeit zukünftiger Editionen
bedenken müssen. Und sie sollte sich dabei nicht von feuilletonistischer
Meinungsmache irritieren lassen, noch dabei mitwirken(S.
163).
Auf die Kernpunkte der vorgebrachten Kritik gehen die Verteidiger
nicht weiter ein. Vordergründig heben sie darauf ab, daß die Kritiker
mit spitzem Finger darauf hinwiesen, wie lange
man auf den ersten Band der Ausgabe habe warten müssen und welchen
Subventionsbedarf dieses Projekt bislang hatte und noch haben
wird. (S.152.) Im wesentlichen beanstanden die Kritiker
aber - vor dem Hintergrund der doch wohl erlaubten Frage, inwieweit
das Resultat den Aufwand rechtfertigt - vor allem
- die unnötige vierfache Präsentation des relativ unkompliziert
überlieferten Textes;
- das ausufernde Materialaufgebot, vielfach ohne ersichtlichen
Zusammenhang mit dem Text;
- die Instrumentalisierung des verselbständigten Materials zugunsten
einer einengenden Deutungsperspektive;
- das über einige hilfreiche Unterscheidungen hinaus überdifferenzierte
Schriftauszeichnungs- und Hilfszeichensystem [23];
- die ungenügende Vernetzung der Darstellungsebenen und verstreuten
Informationen zu je denselben Textstellen.
Bei ihrer generellen Zurückweisung der Kritik räumen Rüdiger
Nutt-Kofoth und Bodo Plachta ein, die Edition auf den Prüfstand
[zu stellen,] wäre ja durchaus berechtigt (S. 153). Ihre
Besprechung wäre im gegebenen Fall der geeignete Ort dafür. Warum
nur tun sies nicht? Ihre überaus verhaltenen kritischen
Anmerkungen (S.164) spielen substantielle Mängel geflissentlich
herunter. Die effektive Leistung der Ausgabe daran zu messen,
wie sie sich an ihrem Gegenstand bewährt, liegt gar nicht im Blickfeld
ihrer formalistischen Betrachtung des über die Büchner-Forschung
Hinausreichenden [...], das die Marburger Ausgabe für die gegenwärtige
Editionsphilologie relevant machen soll (S.156). Von der
Warte des selbstgewissen modernen Editionsphilologen überhaupt
(ebenda) versichern sie, als solcher dürfe man sich von der Kritik
der Presse, d.h., vom methodisch diffusen Bild literarischer
Texteditionen, das sich hinter solchen Rezensionen verbirgt, in
seinen Verfahrensweisen durchaus unberührt fühlen (ebenda).
Das hat, finde ich, eher einen Anklang von technokratischer Arroganz,
als daß es Bereitwilligkeit bezeugte, der Öffentlichkeit, die
immerhin für die Kosten aufkommt, die vertretenen Maßgaben plausibel
zu machen, und Literaturwissenschaftlern, die in der Regel wenig
Nutzen aus historisch-kritischen Ausgaben ziehen, dazu anzuregen,
die unausgeschöpften Möglichkeiten, die sie zweifellos oftmals
bieten, wahrzunehmen.
Ihre Besorgnis, die öffentliche Meinung könnte zum Schaden editorischer
Großprojekte wissenschaftspolitische Auswirkungen auf die
Verteilung der finanziellen Ressourcen haben (ebenda), verleitete
die Autoren zu ihrer Eloge auf das Marburger Projekt, von dem
man sich vielleicht erhofft hatte, es könne der Editionswissenschaft
ein Stück heraushelfen aus ihrer Legitimationskrise. Der sind
die Autoren sich zwar bewußt[24], doch in ihrer Darstellung blenden sie aus,
daß die zurückliegenden guten Zeiten für Edition keinesfalls
aus der Selbstisolation herausgeführt hatten, in die sie ein Überbietungswettbewerb
in Extravaganzen hinein produziert - vorbei an den realen Bedürfnissen
derer, die mit überlieferter Literatur praktisch umgehen. Abgehobener
Anspruch jeweils der neuesten Wissenschaftsmode nacheilender Experten
und bis ins Skurrile getriebene Skrupulosität in der editorischen
Methodik auf der einen Seite, auf der anderen Verunsicherung und
wenig problembewußtes Zugreifen auf handliche, wenn auch schlechte
Textangebote. Angesichts dieser Diskrepanz sollte die Besprechung
einer so problematischem Ausgabe wie dieser der editionswissenschaftlichen
Fachkritik eher zu kritischer Selbstbefragung Anlaß geben, als
zum Schulterschluß (S. 152) der vermeintlich bedrohten
Zunft gegen öffentliche Einsprüche aufzurufen. Dem verbreiteten
Unverständnis, das in editionsphilologischen Müheaufwendungen
nur eitle Erbsenzählerei sieht, kann so kaum wirksam
begegnet werden.