Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.2003, Nr. 270, Feuilleton
Leonce und Lena: Der Streit um die Büchner-Ausgabe
eskaliert
Gelehrsamkeit hat in Georg Büchners "Leonce und Lena" keine Chance.
Im Reiche Popo herrscht ein vertrottelter Philosoph, der Prinz
ist ein "Buch ohne Buchstaben", und der Hofnarr seufzt: "Ach die
Wissenschaft, die Wissenschaft!" Wer die jahrelangen Querelen
um Büchner und die angemessene Edition seiner Werke verfolgt hat,
mag ebenfalls die Hände ringen. In keiner literarischen Gesellschaft
und um keine andere kritische Ausgabe wird so viel und mit vergleichbarer
politischer Verve gestritten. Man besuche die Homepage der Marburger
Büchner-Gesellschaft und einige einschlägige Seiten der mit ihr
verfeindeten Forscher und gehe im Dickicht der Darstellungen und
Gegendarstellungen, der Rezensionen und Repliken, der offenen
Briefe und Gegenbriefe verloren. Kurzum: Leonces Klage über Langeweile
und Müßiggang in Büchners Lustspiel findet unter den Adepten des
Autors keine Entsprechung. Hier wird gezankt, daß die Funken sprühen.
Nun hat die - manchmal durchaus produktive - Streitkultur indes
eine neue Qualität gewonnen. Die Auseinandersetzung um die eigene
Sache, nämlich die historisch-kritische Ausgabe, ist mit erheblichen
Konsequenzen über die vier Wände der "Forschungsstelle Georg Büchner"
in Marburg hinaus in die Welt gedrungen und eskaliert. Auf der
Homepage wird der lange erwartete sechste Band der Ausgabe mit
"Leonce und Lena" als "soeben erschienen" gefeiert. Eine Präsentation
ist für Anfang Dezember angekündigt. Erste Abonnenten haben den
Band inzwischen erhalten. Vom Verlag, der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft
in Darmstadt, ist nun aber zu erfahren, man habe die weitere Auslieferung
wegen einer einstweiligen Verfügung stoppen müssen. Was ist passiert?
Für die Edition von "Leonce und Lena" zeichnet Burghard Dedner,
Leiter der Marburger Arbeitsstelle, verantwortlich.
Zuletzt hat er mit Hubert Gersch den "Lenz" (F.A.Z. vom 13. März)
und davor mit Thomas Michael Mayer, seinem wissenschaftlichen
Mitarbeiter und Mitherausgeber der gesamten Ausgabe, den "Danton"
in vier Bänden vorgelegt (F.A.Z. vom 12. Dezember 2000). Mit Mayer,
der an dem neuen Band als Textbearbeiter, wenn auch nicht als
Herausgeber beteiligt war, kam es jetzt zum Bruch. Arbeitsrechtliche,
nicht editorische Differenzen hätten dabei eine Rolle gespielt,
betont Dedner. Mayer hingegen soll für seine einstweilige Verfügung
geltend machen, er habe sein Placet für den aus seiner Sicht fehlerhaften
Band nicht erteilt. Ob es dabei um mehr geht als ein versehentlich
vertauschtes kleines oder großes "s" im Wort "seht" wird sich
weisen. Der Generalsekretär der Mainzer Akademie als Veranstalterin
der Ausgabe bestätigt, daß Mayers Herausgebervertrag als Reaktion
auf die aus Sicht der Akademie nicht gerechtfertigte einstweilige
Verfügung gekündigt worden sei. Begründung: Endlose Verzögerungen
der Korrekturarbeiten und die verweigerte Freigabe des Bands seien
nicht länger hinzunehmen gewesen. Die Verpflichtung dem Verlag
und dem Publikum gegenüber hatten Vorrang, sprachen also für Fertigstellung.
Wie immer der Streit zwischen den Editoren, der Akademie und der
Universität auch ausgehen mag - eines bleibt zu wünschen: Daß
die schon lange geduldig wartende Öffentlichkeit weitere Bände
der Büchner-Ausgabe erhält. Hoffentlich besinnen sich die Streithähne
auf ihren Auftrag und folgen der Empfehlung von Leonce: "Morgen
fangen wir in aller Ruhe und Gemütlichkeit den Spaß noch einmal
von vorn an."