editio. Internationales Jahrbuch für Editionswissenschaft, Band
17, [Dezember] 2003
Zu Henri Poschmanns Kritik an der Marburger Büchner-Ausgabe
Zwei Kritikpunkte in Henri Poschmanns Artikel gegen unsere Edition
von Danton's Tod erfordern eine Antwort. Poschmann nimmt
Anstoß an der in der Marburger Büchner-Ausgabe 3.2, S. 296-298
begründeten editorischen Entscheidung, die ersten zwei Szenen
des 4. Aktes in der Reihenfolge der ursprünglichen Niederschrift
zu edieren und die Umstellungsmarkierungen am Rand - wie in MBA
3.1, S. 282 und 285 angegeben - als vmtl. spätere Änderungsschicht
zu deuten. Auf diese zuvor schon von Johannes Saltzwedel im Spiegel,
Herbert Wender (mit abschweifenden Begründungen in Forum Vormärz
Forschung 2001) und Heribert Kuhn (Frankfurter Rundschau)
vorgebrachte Kritik, den offensichtlichen Topos der Auseinandersetzungen
um unsere Danton-Edition, hat Thomas Michael Mayer bereits im
Internet geantwortet (http://www.vormaerz.de/diskussion.html#mayer)
und werden wir im demnächst erscheinenden Georg Büchner Jahrbuch
10, 2003, noch ausführlicher replizieren. Da sich Poschmann darauf
beschränkt, Wenders Argumente in verkürzter Form zu wiederholen,
scheint eine Antwort auf die gemeinsamen Annahmen der Kritik sinnvoller
als eine Antwort auf Poschmanns hier in editio vorgetragene
Nacherzählung. - Poschmann nimmt außerdem Anstoß an unserer Wiedergabe
des Wortes todtgeschlagen in der 2. Szene von Danton's
Tod (MBA 3.1, S. 41, Z. 5). Büchner hat das Wort in den Zeilen
zuvor dreimal deutlich in voller Form, also mit vier Strichen
nach dem g, danach einmal mit nur zwei Strichen und
ein weiteres Mal mit einem Strich nach dem g niedergeschrieben.
Poschmann nimmt offenbar an, Büchner lasse die aufgebrachten Bürger
vom zunächst hochdeutschen Ausruf todtgeschlagen zum
,hessisch-dialektalen' todtgeschlage übergehen. Eine
Parallele dazu wäre Woyzeck, der sich - jedenfalls in Poschmanns
Textversion - nicht recht zwischen Hoch- und Regionaldeutsch entscheiden
kann und deshalb sagen soll: Sehn sie so ein schön festen
grauen Himmel, man könnte Lust bekomm, ein Kloben hineinzuschlage
und sich daran zu hänge (P I, S. 199; vgl. Eske Bockelmann
in Georg Büchner Jahrbuch 7, 1988/89, S. 219ff.). Daß Woyzeck
dabei die Dialektvariante bekomm sogar
eigens erfindet, da es das Wort bekommen in der Bedeutung
erhalten im Südhessischen bekanntlich nur in der Halbmundart
gibt (vgl. Südhess. Wörterbuch I, Sp. 680), verweist diese
Transkription in den Bereich des stark Befremdlichen. Sowohl nach
dem Befund als auch nach unseren Kenntnissen von Büchners Schreibpraxis
halten wir es daher für wahrscheinlicher, daß die nicht ausgeführten
Striche nach dem g als Verschleifungen zu deuten sind
und bieten in der Differenzierten Umschrift (MBA 3.1,
a.a.O.): todtgeschlag|en|e|, todtgeschlag|en|e|.
Dabei bedeutet petit: graphisch nicht vollständiger oder
eindeutiger Buchstabe, |en|e|: alternative
Deutungen des Befundes in der Reihenfolge ihrer Wahrscheinlichkeit
(vgl. MBA 3.1, S. 508). Die Begründungen für diese Form der Transkription
kennt Poschmann aus einschlägigen Aufsätzen von Eske Bockelmann
und Thomas Michael Mayer (Georg Büchner Jahrbuch 7 und
8, 199094). In Danton's Tod beschränkt sich
das Problem einer alternativen Deutung (Verschleifung versus intendierter
Dialekt) auf wenige Einzelfälle. Von entscheidender Bedeutung
für die Textkonstitution ist es dagegen im Woyzeck, und
in diesem Zusammenhang sollte es diskutiert werden. Wir haben
Henri Poschmann vor Erscheinen seiner Büchner-Edition im Deutschen
Klassiker Verlag eingeladen, über dieses Problem der Woyzeck-Edition
mit uns zu diskutieren. Er hat diese Einladung ausgeschlagen.
Noch immer fänden wir es wünschenswert, daß er die Einwände gegen
unsere Argumente seinerseits vorträgt, bevor wir Woyzeck
in der Marburger Büchner-Ausgabe vorlegen. Dagegen scheint es
uns sinnlos, diese Diskussion jetzt an einem eher randständigen
Einzelbeispiel zu führen.