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Seitenblick 12
Herbert Wender,
editio 17 / 2003
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editio. Internationales Jahrbuch für Editionswissenschaft, Band
17, [Dezember] 2003
Die ehrlichen Leute
Eine Anmerkung zu den Erläuterungen der Marburger
Büchnerforscher
In Band 15, 2001, dieses Jahrbuchs erschien ein Beitrag[1] zu Fragen der Kommentierung von Büchner-Texten,
der wegen einer spezifischen Ausblendung forschungsgeschichtlicher
Zusammenhänge seinerseits kommentiert zu werden verdient. Um ihren
fortgeschrittenen Wissensstand gegenüber den vorausliegenden Ausgaben
herauszustellen, legt die Marburger Forschergruppe das Beispiel,
an dem die Problematik einer Rückübersetzung ins Französische
erörtert werden soll, folgendermaßen dar:
In der ersten Szene von Danton's
Tod entwickeln die Dantonisten ihr Programm einer libertären
Demokratie und planen eine politische Offensive gegen die Robespierristen,
die Danton mit einer Rede im Konvent eröffnen soll. Danton fragt
ironisch zurück:
Wer soll denn all die schönen
Dinge ins Werk setzen? und erhält zur Antwort: Wir
und die ehrlichen Leute. Wir: das ist in diesem
Fall die Gruppe um Danton. Wer aber, so fragen wir, sind die ehrlichen
Leute, und konsultieren Poschmann, der eine Passage der
Hauptquelle Unsere Zeit (Bd. VII, Beilage zu Heft 26, S.
7) zitiert [...].
Kommentarsystematisch behandelt
Poschmann die Wendung ehrliche Leute wie eine Lehnübersetzung
und nimmt dann an, die Rückübersetzung zu «honnêtes gens» werde
den gemeinten Sinn ergeben. (S. 43)
Wir dagegen fragen, warum die 1969 in die Forschung eingeführte[2] und seit 1974 in die gängigen Büchner-Kommentare
übernommene[3] Fehlzuweisung
der U.Z.-Erläuterung (honnêtes gens [...] vorzüglich
französische Altadelige)[4] nicht bereits an ihrer Quelle, sondern nur in
ihrer Fernwirkung vorgeführt wird. Nach dem ersten der zitierten
Absätze hätte man ja ebensogut mit einem forschungsgeschichtlichen
Rückverweis fortfahren können:
Auf die Begriffserläuterung
in einem Nebentext der deutschsprachigen Hauptquelle hatte zuerst
Thomas Michael Mayer verwiesen. Er behandelte die Wendung ehrliche
Leute wie eine Lehnübersetzung und nahm an, die Rückübersetzung
zu «honnêtes gens» würde den gemeinten Sinn ergeben.
Zumindest in der Druckfassung des Vortrags hätte man dann in
zwei Sätzen auf die weitere, kontrovers verlaufende Forschungsdiskussion
zu dem in Frage stehenden Ausdruck verweisen können. In den Zettelkästen
der Marburger Forschungsstelle ist ja vermutlich lückenlos dokumentiert,
daß parallel zu der Übernahme von Mayers fehlgehendem Hinweis
in die Kommentare eine gegenläufige Bewegung zu verzeichnen ist:
von der Einbindung des U. Z.-Zitats in den weiteren Kontext
einer übergreifenden Erörterung vergleichbarer Bezeichnungen bei
Gerhard Jancke[5]
über Mayers stillschweigende Selbstkorrektur[6]
bis zur Ersetzung durch treffendere Belege für die Begriffsverwendung
während der Französischen Revolution.[7]
Nun gut, mag man einwenden, es geht aber doch in dem editio-Beitrag
ersichtlich nicht um die Geschichte der Büchnerforschung; vielmehr
wurde seinerzeit im Rahmen einer auf Übersetzungsprobleme zentrierten
Editorentagung eine nur exemplarisch zu belegende Kommentarsystematik
vorgetragen. Abgesehen davon, daß dann immer noch zu fragen bleibt,
warum die kritische Argumentation im Vortrag[8]
exklusiv an Poschmann und nicht an Mayer exekutiert wurde und
warum in der Druckfassung nicht wenigstens in den Fußnoten erkennbar
wird, daß es sich um keinen genuin Marburger Erkenntnisfortschritt[9] handelt: Wie funktioniert eigentlich
die implizite Logik solcher Systematisierung? Zunächst einmal
wird ohne Begründung behauptet, Poschmann bzw. Pörnbacher bzw.
Hinderer bzw. Mayer würden die Wendung ,ehrliche Leute'
wie eine Lehnübersetzung behandeln, nur um dann einwenden
zu können, es handele sich um ein deutsches Wort mit eigener
Bedeutung (S. 43). Wird die Unterstellung getilgt, lautet
die Diagnose:
Kommentarsystematisch behandelt
man die Wendung ehrliche Leute wie eine Übersetzung
und nimmt dann an, die Rückübersetzung zu «honnêtes gens» werde
den gemeinten Sinn ergeben.
Was aber, fragen wir nun, könnte daran falsch sein, und konsultieren
den Quellenbezogenen Text der Marburger Ausgabe, wo
die Bezeichnung die ehrlichen Leute durch Fettdruck
als wörtlich übersetzt ausgewiesen ist und wo in der
Marginalspalte auf die französischsprachige Entsprechung «les
honnêtes gens» im Quellenband verwiesen wird.[10]
Es war also gerade nicht problematisch, den
deutschen Ausdruck für eine Übersetzung aus dem Französischen
zu halten, und tatsächlich ergibt die Rückübersetzung zu
<honnêtes gens> den gemeinten Sinn wenn man
die richtige, d.h. eine dem Dramenkontext entsprechende Bedeutung
zugrunde legt. Hinzu kommt, daß dramenintern diese von Philippeau
angesprochenen ehrlichen Leute gleich anschließend
von Danton charakterisiert werden: Man kann ihnen Geld leihen,
bei ihnen Gevatter stehn und seine Töchter an sie verheirathen,
aber man darf nicht auf sie zählen, wenn es darum geht, die jakobinische
Revolutionsregierung zu stürzen. In den Einzelerläuterungen bedarf
deshalb diese Stelle keiner Erwähnung. Wenn man eine Verständnishilfe
für notwendig hält, wäre wohl eher der von Danton akzentuierte
Abstand zwischen den ehrlichen Leuten und den Dantonisten
zu erläutern, etwa durch Verweis auf eine Äußerung des Lacroix
in Szene I/5: Man nennt uns Spitzbuben und (sich zu den
Ohren Dantons neigend) es ist, unter uns gesagt, so halbwegs was
Wahres dran.[11]
Fazit: Das Beispiel paßt nicht zu der kommentarsystematischen'
Fragestellung, und noch weniger ist es geeignet, Poschmanns Kommentar
zu diskreditieren. Vielmehr kann umgekehrt an eben diesem Beispiel
die Zitierpraxis der Marburger Forscher erhellt werden, und zwar
durchaus noch weiter gehend, als es jetzt schon deutlich geworden
ist. Man könnte es ja für einen von der problematischen Quellendiskussion
unabhängigen Fortschritt halten, daß zu dieser Dramenstelle nun
auch das deutschsprachige Begriffsfeld mit Beispielen u.a. aus
Büchners Briefen und aus August Beckers Verhöraussagen erläutert
wird. Nur: Entsprechende Belege hatte bereits Jancke im selben
Zusammenhang angeführt, und man vermißt bei der Marburger Erläuterung
zu den Repliken 2728 (I/1) insbesondere dessen Querverweis
auf Replik 450 (III/5), wo Büchners Text mit der Bezeichnung die
rechtschaffnen Leute gerade nicht die Vorgabe der französischsprachigen
Hauptquelle («les bons républicains») übersetzt, sondern statt
dessen einen dem französischen «honnêtes gens» entsprechenden
Ausdruck verwendet.[12]
Nachbemerkung: Die editio-Redaktion hat mir zur
Auflage gemacht, die Anmerkungen zur Kommentierungspraxis der
Marburger Forschergruppe auf die Kritik des in editio Geäußerten
zu beschränken. Das erlaubt immerhin noch den Hinweis darauf,
daß die dem Danton-Kommentar insgesamt zugrunde liegende
Hypothese: In der ersten Szene von Danton's Tod entwickeln
die Dantonisten ihr Programm einer libertären Demokratie
(S. 43) so konsensfähig nicht ist, wie sie in den Marburger Publikationen
erscheint. Verschwiegen wird dabei, daß nicht nur jene Forscher,
denen die Marburger eine bornierte Fehleinschätzung frühsozialistischer
Strömungen unterstellen (vgl. MBA 3.2, S. 180, gegen Jancke, Wender
und Hauschild), die Stilisierung Büchners zum ,libertären' Frühkommunisten
kritisierten.[13] Wie in einer so groß angelegten,
aus öffentlichen Mitteln nicht unerheblich geförderten Ausgabe
mit gezielten Ausblendungen Forschungspolitik betrieben wird,
halte ich für einen Skandal.
[1] Burghard Dedner in Zusammenarbeit mit Eva-Maria
Vering und Udo Roth: Französischsprachiges in Büchners Schriften.
In: editio 15, 200l, S. 37-51; im folgenden mit einfacher Seitenangabe
im laufenden Text.
[2] Thomas [Michael] Mayer: Zur Revision der Quellen
für Dantons Tod von Georg Büchner. In: Studi germanici
N.S. 7, 1969, S. 287-336, hier S. 317: <(U.Z. ,Alphabetisches
Verzeichniß ...' nach Bd.VII, Heft 26): E h r l i c h e
L e u t e (honnêtes gens). [...]>.
Die spitzen Klammern markieren das Zitat als einen der Belege,
die nur sekundär herangezogen sind oder aber deren Zusammenhang
zum Drama unsicher erscheint (ebd.).
[3] Walter Hinderer: Büchner-Kommentar zum dichterischen
Werk. München 1977, S. 93. - Georg Büchner: Werke und Briefe.
Münchner Ausgabe. Hrsg. von Karl Pörnbacher u.a. München 1988
(dtv 2202), S. 504. - Georg Büchner: Dichtungen. Hrsg. von Henri
Poschmann. Frankfurt/Main 1992 (Sämtliche Werke, Briefe und
Dokumente. Bd. l), S. 486. (Dieser Band der Frankfurter Ausgabe
war schon in den 1980er Jahren in der DDR vorbereitet worden;
nicht zuletzt wegen der mit der Wiedervereinigung verbundenen
Veränderungen auch im Verlagswesen erschien er erst Anfang der
90er Jahre. Den Marburger Forschern, die vor 1989 mit Poschmann
eng zusammengearbeitet hatten, ist dies wohlbekannt.) - Die
zuletzt vor dem Erscheinen der Marburger Danton-Bände
erschienene Ausgabe ist wohl die 7. Auflage der Münchner Taschenbuchausgabe,
München 1999 (dtv 12374).
[4] Vgl. auch den Stellenkommentar der Marburger Danton-Ausgabe:
ist die in UZ Beilage zu Heft 26, S. 7 gegebene Wortbedeutung
[...] hier nicht brauchbar, da die Dantonisten für ihren Kampf
im Konvent nicht eine politische Koalition mit 'Altadeligen'
erwägen können; Georg Büchner: Sämtliche
Werke und Schriften. Historisch-kritische Ausgabe mit Quellendokumenten
und Kommentar (Marburger Ausgabe). Im Auftrag der Akademie
der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, hrsg. von Burghard
Dedner und Thomas Michael Mayer (im folgenden: MBA), hier
Bd. 3,4: Danton's Tod. Erläuterungen. Bearb. von Burghard
Dedner unter Mitarbeit von Eva-Maria Vering und Werner Weiland.
Darmstadt 2000, S. 48.
[5] Gerhard Jancke: Georg Büchner. Genese und Aktualität
seines Werkes. Einführung in das Gesamtwerk. Kronberg/Ts.
1975, S. 193-199: <honnêtes gens> - die ,Ordnung
des Egoismus'.
[6] Thomas Michael Mayer: Georg Büchner: Danton's Tod.
Entwurf einer Studienausgabe. In: Georg Büchner: Dantons Tod.
Kritische Studienausgabe des Originals mit Quellen, Aufsätzen
und Materialien. Hrsg. von Peter von Becker. 2., verb. Aufl.
Frankfurt/Main 1985 (zuerst: 1980), S. 7-74, hier S. 22.
[7] Vgl. den Hinweis auf die revolutionsgeschichtlichen
Schriften von Charles Nodier in meiner Dissertation; Herbert
Wender: Georg Büchners Bild der Großen Revolution. Zu den Quellen
von Danton's Tod. Frankfurt/Main 1988 (Büchner-Studien.
Bd.4), S. 120, Anm.41.
[8] Der Marburger Beitrag wurde während der Tagung der
Arbeitsgemeinschaft für germanistische Edition in Lingen (März
2000) von Burghard Dedner vorgetragen; seit der öffentlichen
Auseinandersetzung um Poschmanns Ausgabe, die zu dessen Austritt
aus der Büchnergesellschaft führte (vgl. die Dokumentation auf
der Internetseite: http://www.georg-buechner-online.de), waren
zum Zeitpunkt des Vortrags wenige Wochen vergangen. Darauf wie
auf das Fehlen des Nachweises der älteren Literatur zum Thema
habe ich bereits in der unmittelbar anschließenden Diskussion
hingewiesen. Wenn irgendwo, dann trifft hier zu, was Mayer einmal
zu Unrecht der Kurzfassung von Hauschilds Büchner-Biographie
vorgeworfen hat: Die Zitierweise [...] berührt [...] auch
forschungs,politische' Bereiche (Thomas Michael Mayer:
Über den Alltag und die Parteiungen des Exils. Anläßlich von
Büchners Briefen an Braubach und Geilfus. In: Erika Gillmann
u.a., Hrsg.: Georg Büchner an Hund
und Kater. Unbekannte Briefe des Exils. Marburg
1993, S. 41-146, hier S. 46, Anm. 26).
[9] Weder der hier besprochene Aufsatz (S. 44, Anm.
17) noch der Erläuterungsband der Marburger Ausgabe (MBA 3,4,
S. 47f.) läßt erkennen, daß dasselbe Nodier-Zitat, das jetzt
als Argument gegen Poschmanns Kommentierung erscheint, von mir
seinerzeit (vgl. Anm. 7) als Argument gegen Mayers Quellenbehauptung
verwendet worden war.
[10] MBA, Bd. 3,2: Danton's Tod. Text, Editionsbericht.
Bearb. von Burghard Dedner und Thomas Michael Mayer, hier S.
89, Z. 11ff., Repl. 27f.
[11] MBA 3,2, S. 103, Z. 5f., Repl. 165.
[12] Vgl. Jancke 1975 (Anm. 5). Als Fortschritt ist
es zu werten, daß jetzt in der Erläuterung zu Replik 450
statt Janckes Verweis auf Thiebergers Dramenübersetzung
ein revolutionszeitlicher Beleg gegeben wird. (Vgl. MBA
3,4, S. 189; an der Stelle in Bd. 3,2, S. 133, Z. 10ff.
sind die Verweise in der Marginalspalte um eine Zeile verrutscht.)
Erstaunlich finde ich aber, daß zu ehrlicher Mann
auf Weidigs Anteil am Hessischen Landboten verwiesen
wird, während der von Jancke angeführte Beleg im Kommentar
der Ausgabe wie in der ausführlicheren Darstellung des editio-Beitrags
übergangen wird: Es ist keine Kunst, ein ehrlicher
Mann zu sein, wenn man täglich Suppe, Gemüse und Fleisch
zu essen hat. Vgl. dazu dann auch das angebliche Desmoulins-Diktum,
das ich seinerzeit aus einem nachthermidorianischen Pamphlet
zitiert hatte: «Qu'importe dans les révolutions, l'opinion
ou la végétation des honnêtes gens, dont les facultés se
bornent à compter leurs revenus, et les occupations se réduisent
à faire leurs quatre repas par jour, comme a dit plaisamment
Camille Desmoulins»; zit. in Wender 1988 (Anm. 7).
[13] Inwiefern es sich bei den Staatsgrundsätzen
der Dantonisten in Büchners Drama um ein genuin bürgerlich-liberales
Programm handelt, hatte Terence M. Holmes bereits Anfang der 1970er
Jahre untersucht (T.M.H.: The Ideology of the Moderates in Büchners
,Dantons Tod'. In: German Life & Letters 27, 1973/74, S. 93-100),
und er hat seine These auch später, in einer verschiedene Studien
zusammenfassenden Monographie, gegen Mayers Versuch einer Neubewertung
aufrechterhalten (Ders.: The Rehearsal of Revolution. Georg Büchners
Politics and his Drama Dantons Tod. Bern u.a. 1995, insbes. Kap.
VI; "The Pleasure Principle", S. 115-144). Beide Titel
fehlen in den Literaturverzeichnissen des Marburger Danton-Bandes
ebenso wie der einschlägige Diskussionsbeitrag von Hans-Joachim
Ruckhäberle: Georg Büchners Dantons Tod - Drama ohne Alternative.
In: Georg Büchner Jahrbuch 1, 1981, S. 169-176.
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