editio. Internationales Jahrbuch für Editionswissenschaft, Band
17, [Dezember] 2003
Zu Herbert Wenders Miszelle über die
ehrlichen Leute
Herbert Wender hat öffentlich geäußert, er werde die von mir
und Thomas Michael Mayer herausgegebene Marburger Büchner-Ausgabe
bis aufs Letzte bekämpfen. Die jetzt von ihm vorgelegte
Miszelle scheint eine dieser Kampfhandlungen zu sein. Die Antwort
läßt sich kurz halten.
1. Wender ist unzufrieden, daß ich bei meinen Ausführungen
zu ehrliche Leute bzw. zu «honnêtes gens» in Danton's
Tod nicht auf die weitere, kontrovers verlaufende Forschungsdiskussion
verwiesen habe. Natürlich hätte ich auch Kuriosa aus der Geschichte
der Kommentierung ausbreiten und also etwa erzählen können, daß
Poschmann die ehrlichen Leute zwischen 1971 und 1988
noch mit den arbeitenden Massen identifiziert hatte,
während er sie 1992 zitierenderweise als vorzüglich französische
Altadelige ausmacht. Der einschlägige Hinweis darauf findet
sich in Herbert Wenders in der Marburger Schriftenreihe Büchner-Studien
erschienener Dissertation Georg Büchners Bild der Großen Revolution.
Zu den Quellen von ,Danton's Tod' (Frankfurt/Main 1988, S.
120). Auf die Mitteilung solcher Kuriosa habe ich jedoch verzichtet,
weil es mir - Wender schreibt dies selbst - in dem editio-Beitrag
ersichtlich nicht um die Geschichte der Büchnerforschung,
sondern um eine nur exemplarisch zu belegende Kommentarsystematik
ging.
2. Warum habe ich, so der nächste Einwand, meine ,,kritische
Argumentation [...] exklusiv an Poschmann und nicht an Mayer exekutiert?
Antwort: weil ich nicht wüßte, was an Mayer - ich wiederhole das
merkwürdige, aber sprechende Wort - zu exekutieren
wäre. Folgende Ereigniskette liegt zugrunde. Mayer hatte 1969
durch ein nachrangiges Zitat in einem längeren Aufsatz mit Quellennachweisen
zu Danton's Tod eine Beziehung zwischen einer zeitgenössischen
deutschen Erklärung von «honnêtes gens» (als Adlige) und der Dramenreplik
erwogen, zugleich jedoch ausdrücklich als unsicher
gekennzeichnet, worauf Wender in der Fußnote 2 seiner Miszelle
(sekundär [...] oder [...] unsicher) auch hinweist.
In seiner nächsten einschlägigen Veröffentlichung von 1980, einer
quellenbezogenen Dramenausgabe, hatte Mayer dann die 1969 zitierte
Erklärung nicht mehr verzeichnet, ihren Bezug zum Drama also dezidiert
verworfen, worauf Wender 1988 (S. 120, Anm. 41) mit dem Satz:
zu Recht hat Mayer diese Ableitung in der Studienausgabe
nicht mehr aufrechterhalten korrekt hingewiesen hatte. Jetzt
im Jahre 2003, in Anm. 9 seiner Miszelle, schreibt Wender, er
habe in seiner Abhandlung von 1988 ein Nodier-Zitat als
Argument gegen Mayers Quellenbehauptung verwendet. Er glaubt
also jetzt, er habe 1988 eine Tür eingerannt, von der er damals
wußte, daß sie seit 1980 längst offen war. Und die Tatsache, daß
Mayer 1980 den Hinweis auf «honnêtes gens» fallen ließ, nennt
Wender jetzt vielsagend, aber gleich zwiefach unangemessen eine
stillschweigende Selbstkorrektur. Ein Vorgang, bei
dem jemand Sicherheit gewinnt, wo er zuvor, als Zweiundzwanzigjähriger,
etwas für unsicher erklärte, ist keine Selbstkorrektur,
und natürlich war Mayers Entscheidung stillschweigend,
denn die Erwägungen, die zu ihr führten, hatten in der unerläuterten
Ausgabe für ein Theater-Programmbuch keinen Ort. Die Münchner
Ausgabe von 1988 sowie Poschmanns Büchner-Ausgabe (Bd. l, S. 486)
lassen die 1969 zitierte Erklärung stillschweigend wieder aufleben,
bieten sie als einzige Erläuterung zur Stelle und legen
damit einen falschen Sinn fest, obwohl zumindest Poschmann die
für das Drama sicher einschlägige Worterklärung Herbert Wenders
Dissertation hätte entnehmen können. Diese Fehlkommentierungen
aber werden von Mayer nicht verantwortet.
3. Wender will einen Widerspruch darin aufdecken,
daß der Quellenbezogene Text der Marburger Büchner-Ausgabe - nach
dem dort geltenden System durch Fettsetzung des Übereinstimmenden
und einen Marginalverweis - ebenfalls mit einer Rückübersetzung
zu <honnêtes gens> die Stelle zu erläutern suche.
Wender muß übersehen haben, daß der Marginalverweis zu dieser
Stelle in doppelte runde Klammern gesetzt ist und damit nur beispielhaft
auf das häufigere Vorkommen einer Wendung oder eines
Schlagwortes (so die Erklärung in MBA 3.2, S. 89 und 367)
verweist. In MBA 3.4, S.47f., folgt eine zu einem so verbreiteten
wie mehrdeutigen Begriff nötige Einzelerläuterung
von fast einer Seite, die auch (Wender folgend) eine andere französische
und davon abweichende deutsche Bedeutungen in den Blick nimmt.
4. Wender argumentiert weiter, man könne den rechten
Sinn von ehrliche Leute schon finden, indem man das
Wort zu «honnêtes gens» rückübersetzt. Voraussetzung sei, daß
man die richtige [...] Bedeutung zugrunde legt. Ich
bin damit umso mehr einverstanden, als ich eben hierauf auf S.
44 meines Beitrags schon selbst hingewiesen hatte. Zugleich verwies
ich mit Beispielen auf die Notwendigkeit, die deutsche Bedeutung
von ehrliche Leute einzubeziehen. Die Erläuterungen
der Marburger Büchner-Ausgabe (Bd. 3.4, S.47f.) zu Danton's
Tod geben knappe Belege dafür, daß die Wendung ehrliche
Leute um 1830 ambivalent, nämlich positiv oder ironisch-abwertend,
gebraucht wurde. Wender vermißt unter diesen Belegen ein Büchnerzitat,
das ihm offenbar am Herzen liegt. Ich könnte noch ein weiteres
beibringen. Jedoch wird niemand im Ernst von einem Stellenkommentar
eine Vollständigkeit der Belegstellen erwarten.