Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. April 2004, Nr.95
Tragödie über eine Komödie
Büchners "Leonce und Lena" sprengt
den Bund der Herausgeber
Editoren sind eigentlich ruhige, friedliche Genossen, solange
man sie bei ihrer strengen, spröden Arbeit nicht stört. Am allerbesten
geht es ihnen, wenn sie allein ihren selbstauferlegten Prinzipien
mit unverbrüchlicher Konsequenz folgen dürfen. Abweichende Grundsätze
in konkurrierenden Ausgaben sind dann zwar noch erbittert zu bekämpfen,
wenigstens in der eigenen Textwerkstatt herrscht aber Ruhe und
Ordnung. Je mehr Meister und Gesellen dort aber unter verschiedenen
institutionellen wie finanziellen Abhängigkeiten mitmischen, desto
schwieriger wird die Lage. Noch nie und nirgendwo ist sie aber
so irreparabel außer Kontrolle geraten wie jüngst an der Büchner-Forschungsstelle
in Marburg.
Seit Monaten wird dort Krieg geführt - erbittert, existentiell,
ergebnislos, und das bei insgesamt hohen Verlusten, sachlichen
wie menschlichen. Vordergründiger Zankapfel ist das Lustspiel
"Leonce und Lena", erschienen als sechster Band der
Historisch-kritischen Marburger Ausgabe, im Auftrag der Mainzer
Akademie und gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft,
dem Bundes wie dem Hessischen Landesministerium. Die in dem Stück
"in effigie" geschlossene Verbindung zwischen Prinz
und Prinzessin wird nun von einer Scheidung überschattet, wie
sie trauriger, fataler, aber auch grotesker nicht sein könnte:
Burghard Dedner und Thomas Michael Mayer, beide Herausgeber der
Marburger Ausgabe, die das Lustspiel schon einmal 1987 gemeinsam
kritisch bearbeiteten, haben sich überworfen. Mayer, der die bereits
begonnene Auslieferung der aus seiner Sicht weiter korrekturbedürftigen
Ausgabe im November per einstweiliger Verfügung stoppen ließ (F.A.Z.
vom 20. November 2003), ist inzwischen von seinen Aufgaben entbunden.
Die Mainzer Akademie kündigte seinen Herausgebervertrag, und
die Universität Marburg versetzte ihren Akademischen Rat in die
Studienberatung und Bibliotheksbetreuung. Für den Gründer der
Büchner-Gesellschaft, des Büchner-Jahrbuchs und der Büchner-Studien,
der die Ausgabe und Forschungsstelle bis jetzt wie kein anderer
prägte, bedeutet das nach fünfunddreißig Jahren kontinuierlicher
Forschung die völlige Infragestellung seines Lebenswerks. Die
Schlösser zu seinem Editions-Schloß sind ausgetauscht, der Zugang
zu Tausenden von Dokumenten und Aufzeichnungen bleibt ihm versperrt,
die mühselige und wahrscheinlich unmögliche Trennung von dienstlichen
und privaten Unterlagen hat erst begonnen. Stünde nicht die Sache
Büchners selbst auf dem Spiel, würde man die Öffentlichkeit wie
von jedem anderen unappetitlichen Scheidungsverfahren lieber ausschließen.
In diesem unvergleichlichen Fall ermittelt also nicht mehr nur
die philologische "Textpolizei" gegen einen Autor (F.A.Z.
vom 25. Februar), sondern die beteiligten Textpolizisten unter
Anrufung von Gerichten gegeneinander. Fragwürdig und juristischen
Urteilen unzugänglich bleibt indes, wie weit die Liebe zur Sache
gehen darf. Sicherlich, drucktechnische Versehen sind, zumal in
einer historisch-kritischen Ausgabe, äußerst ärgerlich. Doch welche
Edition wäre völlig frei davon? Was Mayer für die einstweilige
Verfügung, die inzwischen aufgehoben ist, geltend macht, ist kaum
dazu angetan, seinen "nicht geringen Ruf als wissenschaftlicher
Editor" zu gefährden, den er mit allen Mitteln verteidigen
zu müssen glaubt. Vielmehr könnte der gegenteilige Eindruck von
einer Akribie mit obsessiven Zügen entstehen. Beispiele aus dem
"Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung": "Seite
14, Randzeile 23, sind die beiden Spitzklammern entgegen der ausdrücklichen
Erläuterung im Anhang Seite 548 nicht fett, sondern mager gedruckt."
Oder: "Seite 27 findet sich im linken Apparat zu ,Fremde
Hände' ein durch nichts motivierter und irritierender Zeilensprung."
Nein, solche Fehlerchen gefährden niemandes Ruf, und man könnte
all das getrost auf Corrigenda-Zetteln, die sogar Standardwerke
wie das "Historische Wörterbuch der Philosophie" jedem
Band beifügen, vermerken. Sonst legt sich die Textpolizei selbst
Handschellen an. Entsprechend sind die Gerichte statt mit fetten
oder kursiven Punkten damit befaßt, die Richtigkeit eidesstattlicher
Versicherungen, Vorwürfe der Unzurechnungsfähigkeit, Urheberrechtsfragen
und Kompetenzstreitigkeiten zu prüfen. Keine leichte Aufgabe,
deren fragliche Lösbarkeit letztlich über die Weiterführung der
Ausgabe entscheidet. Eine Ahnung von dem Streit um Mayers Beteiligung
und seine Sonderstellung als bloßer Textbearbeiter erhält auch
ohne tiefere Einblicke in die Akten, wer die "Danksagung"
auf Seite 351 studiert: Daß Mayer "nicht unter den übrigen
Mitarbeitern des Gesamtbandes auf dem Titelblatt genannt werden
möchte, ist begründet durch seine verbleibenden grundsätzlichen
Bedenken gegen die Konstituierbarkeit eines emendierten Textes
angesichts der vorliegenden Überlieferung . . ."
Über dem ganzen Hickhack sollte man die Besonderheiten und Verdienste
des neuen Bandes nicht aus dem Blick verlieren. Im Unterschied
zu der Erzählung "Lenz" sind von "Leonce und Lena"
wenigstens Fragmente von handschriftlichen Entwürfen überliefert.
Während für den "Lenz" in der Marburger Ausgabe das
Manuskript aus Drucküberlieferungen gleichsam rückwärts durch
ein umstrittenes Verfahren rekonstruierender Phantasie spekulativ
entworfen wurde (F.A.Z. vom 13. März 2003), steht das Lustspiel
auf etwas festeren Füßen. Maßgeblich sind aber wiederum Drucke:
zum einen Karl Gutzkows gekürzte Publikation im Journal "Der
Telegraph" (1838) auf Grundlage einer Abschrift von Büchners
Geliebter Wilhelmine Jaeglé, zum anderen die Nachlaßedition durch
den Bruder Ludwig (1850) nach einer Abschrift von Büchners Schwester
Louise. In welchem Verhältnis die beiden Abschriften zueinander
und zum verschollenen Original stehen wird seit langem diskutiert
Unstrittig ist dabei, daß man mit der vollständigsten Fassung
von 1850 allein nicht auskommt, sie wird in allen Ausgaben mit
der Journalfassung kombiniert. Das ist der Kern des Problems.
Bei Gerhard Knapp und Herbert Wender (Goldmann Verlag, 2002)
ist das im Text nicht sichtbar, Karl Pörnbacher (dtv, 1985) oder
Henri Poschmann (Deutscher Klassiker Verlag, 1992) markieren Vermischungen
wenigstens durch eckige Klammern. Wenn der wirre König Peter in
der zweiten Szene beim Ankleiden "fast nackt" im Zimmer
herumläuft und sein freier Wille - "pfui" - "da
vorn" ganz offen aus der Hosentür lugt, dann sind das willkommene
Gags für so grandiose Inszenierungen wie jetzt die von Robert
Wilson am Berliner Ensemble.
Ludwig Büchner erschienen solche Details zu unschicklich, weshalb
er sie lieber unterdrückte. Die neue Ausgabe macht nun alle Schichten
in jeder wünschenswerten Klarheit deutlich. Besonders elegant
ist das für die erste Szene in Gestalt eines Paralleldrucks gelöst:
Denn für diesen Auftritt liegt außer den beiden Drucken eine Handschrift
vor, die natürlich zunächst faksimiliert und differenziert transkribiert
wird.
In der "quellenbezogenen" Darstellung des Textes kann
man darüber hinaus alle erdenklichen Einflüsse minutiös verfolgen.
Daß sie bei weitem nicht so interessant und spezifisch sind wie
beim "Danton" oder "Lenz", liegt auf der Hand.
Die Konzeption der gesamten Ausgabe führt zu solchen Systemzwängen,
die nicht überall von gleichem Nutzen sind. Relevante Passagen
aus den Hauptquellen - Alfred de Mussets Komödie "Fantasio"
(1834), Clemens Brentanos "Ponce de Leon" (1803) sowie
eine Darmstädter Zeremonialchronik (1834) von der höfischen Vermählung
Ludwigs von Hessen mit der Prinzessin Mathilde von Bayern - werden
natürlich wieder großzügig abgedruckt. Dabei sind die von Büchner
möglicherweise übernommenen Stellen graphisch hervorgehoben.
Ein Wort noch zum üppigen Kommentar, den Arnd Beise verantwortet.
Er zeigt, wie diese scheinbar arglose Posse von messerscharfen
Invektiven, punktgenauen philosophiekritischen Sticheleien und
politisch exakt kalkulierten Despektierlichkeiten nur so wimmelt.
Diese Komödie voller funkelndem Witz zu unterschätzen gehört zu
den größten Fehlern der Rezeptionsgeschichte. Beises Erläuterungen
bieten erstmals einen umfassenden Schlüssel zum Absurdistan namens
Popo. Selbst wenn ,brevitas' nicht seine Tugend ist, greift man
alles dankbar auf, wenn man jetzt - dem Zirkel-Witz von Leonce
folgend - frisch gewappnet "in aller Ruhe und Gemütlichkeit
den Spaß (der Lektüre) noch einmal von vorn" anfangen will.
Ob dem Publikum dieser Spaß auch noch für den "Woyzeck"
und die anderen Schriften und Briefe gewährt wird, steht freilich
in den Sternen. Der unsägliche Streit zwischen den beiden Herausgebern
der gesamten Ausgabe dürfte das gefährden. Denn selbst wenn Dedner
alleine weitermachen wollte, könnte er die bereits geleisteten
umfangreichen Vorarbeiten von Mayer nicht einfach ungeschehen
machen oder übergehen. Die Angelegenheit stellt sich insgesamt
also als eine Tragödie dar, in der ein kompliziert geschürzter
Knoten gar nicht mehr zu entwirren ist.
Georg Büchner: "Leonce und Lena". Sämtliche Werke und
Schriften. Marburger Ausgabe, Bd. 6. Herausgegeben von Burghard
Dedner unter Mitarbeit von Arnd Beise und Eva-Maria Vering. Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, Darmstadt 2003. 583 S., geb., 98,- [Euro].
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